In der Woche vor dem WM-Start: Sammelbeschwerde gegen Infantino
FairSquare bündelt den Unmut über seine Nähe zu Trump. Nur Norwegen unterstützt offen — die anderen Verbände schweigen. Warum eigentlich?
Eine Woche vor dem Anpfiff der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada bekommt die FIFA Post, die sie nicht ignorieren kann, ohne ihre eigene Glaubwürdigkeit weiter zu beschädigen. Die Organisation FairSquare hat unter dem Titel „Reboot FIFA" eine Kampagne gestartet, die Fußballfans weltweit dazu aufruft, eine Sammelbeschwerde gegen Gianni Infantino zu unterzeichnen. Nach dem Turnier soll das Dokument an die Ethikkommission des Weltverbandes gehen — laut FairSquare die größte Beschwerde, die die FIFA je erhalten hat. Während des Turniers, das vom 11. Juni bis 19. Juli läuft, will die Organisation Infantinos Verhalten und Äußerungen weiter dokumentieren und die Beschwerde anschließend aktualisieren.
Der Vorwurf wiegt schwer und ist zugleich präzise eingegrenzt: FairSquare sieht mehrere Verstöße gegen die Pflicht zur politischen Neutralität, und sie beziehen sich allesamt auf ein einziges Verhältnis — Infantinos Nähe zu Donald Trump. Konkret nennt die Organisation die erstmalige Vergabe eines FIFA-Friedenspreises an den US-Präsidenten, die Infantino im Dezember bei der WM-Auslosung in Washington vornahm. Was diesen Vorgang besonders heikel macht, ist nicht allein die Person des Geehrten, sondern das Verfahren. Die FIFA hat bis heute nicht öffentlich gemacht, nach welchen Kriterien der Preis vergeben wurde. Das FIFA-Council, in dem die Verbände sitzen, wurde laut eigenen Angaben von Mitgliedern nicht konsultiert. Auch DFB-Chef Bernd Neuendorf bestätigte das.
FairSquare-Direktor Nick McGeehan hat den politischen Rahmen weit gezogen. Die Menschen seien zurecht „verärgert und frustriert über eine Reihe von Problemen, von exorbitanten WM-Ticketpreisen bis hin dazu, dass die FIFA einem Mann einen Friedenspreis verliehen hat, der anschließend einen illegalen Krieg gegen einen Teilnehmer der Weltmeisterschaft begonnen hat". Es gehe darum, sagte McGeehan, „diese Wut zu bündeln und effektiv umzulenken, um den politischen Druck zu erzeugen, der erforderlich ist, um bedeutende Veränderungen bei der FIFA zu erzwingen". Das ist die eigentliche Ambition der Kampagne: nicht nur eine Beschwerde, sondern eine Mobilisierung.
Die Resonanz aus den Verbänden ist bislang dünn. Von den FIFA-Mitgliedern hat allein Norwegens Verband NFF Unterstützung erklärt. Präsidentin Lise Klaveness teilte mit, der NFF habe die Ethikkommission in einem Brief aufgefordert, die Beschwerde zu prüfen. Andere Verbände hätten sich anschließen können, wenn sie das gewollt hätten — getan hat es keiner. Klaveness selbst formulierte am Dienstag eine bemerkenswerte Skepsis gegenüber dem eigenen Vorgehen: Druck auszuüben sei „nutzlos". Wer so spricht, hat den Glauben an die Reformfähigkeit des Weltverbandes auf ein Minimum reduziert und handelt trotzdem.
Beim DFB klingt das anders. Neuendorf hat die Vergabe des Preises wiederholt verteidigt und dabei auf die Rolle der USA in Gaza verwiesen. Das ist eine politische Begründung für eine Auszeichnung, die ohne Konsultation des Councils und ohne öffentliche Kriterien zustande kam — und genau diese Konstellation ist das Problem. Eine Woche vor der Weltmeisterschaft steht damit nicht nur Infantino unter Beobachtung, sondern auch das Schweigen der übrigen Verbände. Die FIFA wird in den kommenden fünf Wochen viele Bilder produzieren. Welches davon hängenbleibt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie oft der Präsident neben dem US-Präsidenten zu sehen sein wird.