Hillsborough: 97 Tote – und die Lüge danach

Am 15. April jährt sich die größte Stadionkatastrophe der englischen Fußballgeschichte zum 37. Mal. Hillsborough war kein Unfall, sondern das Ergebnis tödlichen Versagens – und eines Systems, das die Wahrheit darüber jahrzehntelang verdrehte.

Hillsborough: 97 Tote – und die Lüge danach
Foto: Imago / PA Images

Als das FA-Cup-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadion in Sheffield angepfiffen wird, läuft die Katastrophe hinter dem Tor der Liverpool-Fans bereits.

Dort schreien Menschen den Namen des Torhüters der Reds, Bruce Grobbelaar.  “Bruce, kannst du uns helfen?”, erinnert er sich später. 

Zunächst versteht er nicht, was die Fans meinen.. Dann sieht er, wie die ersten ihre Kinder über die Köpfe der Menge heben. Er sieht Gesichter, die gegen die Zäune gedrückt werden. Andere klettern an den Gittern hoch. Sie rufen: „Sie bringen uns um.“ Iin diesem Moment wird ihm klar, was dort passiert. Die Menschen kämpfen nicht um Sicht, sie kämpfen um Luft. Ums Überleben.

Leppings Lane: Wie ein Tunnel die Katastrophe auslöste

Was sich in diesen Minuten auf der Tribüne zuspitzt, beginnt lange vor dem Anpfiff – vor den Eingängen zum Leppings Lane End. Dort stauen sich tausende Liverpool-Fans vor viel zu wenigen Drehkreuzen. Um den Druck vor dem Stadion zu reduzieren, öffnet die Polizei ein zusätzliches Tor. Hunderte Menschen strömen gleichzeitig hinein - durch den zentralen Tunnel auf die Ränge. 

“Dort gab es drei Bereiche”, erinnert sich ein Augenzeuge später. “Aber es war niemand da, der den Strom verteilte und lenkte.” Die Massen strömen in den mittleren Stehblock hinter dem Liverpool-Tor. Seitlich und nach vorne zum Spielfeld begrenzen ihn hohe Metallzäune – wie ein Käfig, in dem längst kein Platz mehr ist. 

Innerhalb weniger Minuten wird der Block zur Falle. Von hinten drängen unaufhörlich weitere Fans nach. “Es brach Panik aus, die Leute schrien, drängelten immer weiter”, erzählt der Augenzeuge weiter. Die Menschen werden gegen die Zäune gepresst, einige verlieren das Bewusstsein. Wer stürzt, hat keine Chance, wieder hochzukommen.

Fehlentscheidungen und Chaos: Wie die Polizei die Lage falsch einschätzt

Als erste Fans in ihrer Verzweiflung über die Zäune auf das Spielfeld klettern, merken auch Spieler, Ordner und die Polizei,dass hinter dem Tor etwas nicht mehr unter Kontrolle ist. „Ich habe den Ordner gebeten, das Tor zu öffnen. Aber er hatte keinen Schlüssel“, erinnert sich Grobbelaar.

Trotzdem dauert es weitere Minuten, bis das Spiel abgebrochen wird. Die Polizei zieht die falschen Schlüsse. Sie glaubt an einen Platzsturm durch Hooligans, sichert das Spielfeld und blockiert damit Hilfe für die Eingeklemmten. Rettungswagen erreichen das Spielfeld nur verzögert.

Die Menschen im Stadion müssen sich selbst helfen. Werbebanden werden zu provisorischen Tragen. „Ich fragte nach einem Defibrillator. Es gab keinen im Stadion“, erinnert sich der Arzt Dr. Glynn Philipps. Ein Sauerstoffgerät wird gebracht – es ist leer.

Die Rettung greift zu spät. Gleichzeitig fehlen Ausrüstung und klare Abläufe. Das Stadion ist auf Kontrolle ausgelegt, nicht auf schnelle Hilfe. Hohe Zäune und abgetrennte Stehplatzblöcke sind üblich – doch sie verhindern in diesem Moment das Ausweichen.

Am Ende fordert die Katastrophe von Hillsborough 97 Todesopfer, mehr als 700 Menschen werden verletzt. 

„The Truth“: Wie eine Schlagzeile die Wahrheit verdreht

Während im Stadion noch um Leben gekämpft wird, beginnt draußen bereits der Kampf um die Deutung. Schon kurz nach der Katastrophe verbreitet die Polizei ihre Version der Ereignisse. Nicht sie habe versagt, heißt es. Schuld seien betrunkene, aggressive Liverpool-Fans. Sie hätten das Tor aufgedrückt, die Rettung behindert, Tote bestohlen, auf Polizisten uriniert.

Es sind schwere Vorwürfe – und sie werden geglaubt. Weil sie in die Zeit passen: in ein England, das Fußballfans vor allem als Sicherheitsproblem sieht. Und weil das Boulevardblatt The Sun diese Vorwürfe auf seine Titelseite druckt – unter einer Überschriftt: „The Truth“. Diese Schlagzeile prägt über Jahre, wie über Hillsborough gesprochen wird.

Vertuschung nach der Katastrophe: Wie die Polizei Berichte manipuliert

Tatsächlich beginnt genau hier die zweite Katastrophe von Hillsborough. Die Polizei versucht ihr Versagen im Stadion zu verschleiern. Dafür schreibt sie die Wahrheit um: Beamte verändern Zeugenaussagen, streichen kritische Passagen und passen andere so an, dass sie das eigene Narrativ stützen. Mehr als 100 Aussagen werden auf diese Weise in Teilen umgeschrieben. Aus Opfern werden Verdächtige.

Die Polizei setzt ein Narrativ, gegen das die Angehörigen der Opfer erbittert ankämpfen. Sie kämpfen nicht nur um Aufklärung, sondern überhaupt erst darum, dass die Toten nicht länger als Täter diffamiert werden.

Hillsborough Independent Panel: Die späte Aufklärung der Katastrophe

Immer wieder schieben die Familien neue Untersuchungen an, immer wieder stoßen sie auf Widerstände. Erst das Hillsborough Independent Panel bringt 2012 ans Licht, wie tief die Vertuschung tatsächlich reicht. Der Bericht zeigt, dass viele der Opfer hätten gerettet werden können, wenn es nicht massive Mängel bei Sicherheit und Rettung gegeben hätte. 

Aber vor allem bestätigt das Panel, was die Angehörigen all die Jahre gesagt haben: Nicht die Liverpool-Fans haben die Katastrophe verursacht. Die Polizei hat ihr eigenes Versagen verschleiert – und die Wahrheit darüber systematisch manipuliert. Vier Jahre später werden die Opfer auch juristisch rehabilitiert. 2016 kommt eine Jury zu dem Schluss, dass die Opfer rechtswidrig zu Tode gekommen sind. 

Für die Familien ist das ein historischer Moment. Nach Jahrzehnten steht offiziell fest, was sie immer gesagt haben. Trotzdem bleibt eine Leerstelle: Der Einsatzleiter David Duckenfield, der den verhängnisvollen Befehl zur Öffnung des Tores gab, wird vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Andere Verfahren brechen zusammen. Das Versagen ist aufgeklärt. Aber fast niemand wird dafür zur Verantwortung gezogen.

Aufklärung ohne Konsequenzen: Warum Hillsborough eine Leerstelle hinterlässt

Hillsborough hat den Fußball verändert. Stadien werden sicherer, Zäune verschwinden, der Blick auf Fans und Verantwortung wandelt sich grundlegend. Aber Hillsborough ist mehr als eine Stadionkatastrophe. Es ist ein Fall darüber, wie ein System versagt – und sich danach der Verantwortung entzieht.

Der 15. April erinnert deshalb nicht nur an die Opfer von Hillsborough. Er zeigt auch, wie leicht in so einem Fall die Wahrheit selbst zum Opfer werden kann – und dass Wahrheit allein noch keine Gerechtigkeit schafft.


Mehr Hintergründe, Stimmen und Details zur Hillsborough-Katastrophe gibt es auch im Podcast „Tatort Sport“, der sich ausführlich mit dem Fall beschäftigt.