Hansi Flicks schwerster Triumph: Meister am Tag, als sein Vater starb
Morgens die Todesnachricht, abends der Clásico-Sieg. Eine Kabine trägt ihren Trainer – und plötzlich ist der Titel nicht die wichtigste Geschichte.
Es gibt Tage, an denen Sport und Leben so dicht nebeneinanderliegen, dass kein Schlusspfiff sie sauber trennen kann. Hansi Flick hat am Sonntag einen solchen Tag erlebt. Am Morgen erfuhr er vom Tod seines Vaters, am Abend wurde er im Camp Nou von seinen Spielern in die Höhe geworfen, während Feuerwerk den Himmel erhellte. Dazwischen lagen ein Clásico, ein 2:0 gegen Real Madrid und der Gewinn der spanischen Meisterschaft. Wer Flicks Gesicht an diesem Abend gesehen hat, weiß, was ein abgerungenes Lächeln ist. Er habe sich das Siegerfoto selbst abverlangt, bevor er das sagte, was an einem solchen Tag überhaupt zu sagen ist: "Es ist ein harter Tag, den ich nie vergessen werde. Mein Team ist fantastisch, ich liebe es, es ist wie eine Familie für mich." Und später, fast trotzig in die Größe des Moments hinein: "Ich bin stolz, es ist großartig, in diesem Stadion gegen Real Madrid im Clásico den Titel zu gewinnen." Dann verschwand er im Kreis seiner Spieler, die ihn in den Arm nahmen. Es war die vielleicht ehrlichste Szene eines Meister-Abends seit langem. Nach spanischen Medienberichten hat Flick die Nachricht vom Tod des Vaters am Sonntagmorgen zunächst der Vereinsführung und dann seiner Mannschaft übermittelt. Der Verein reagierte mit einem Statement, das in seiner Schlichtheit angemessen war: "Wir teilen deinen Schmerz und stehen dir und deiner Familie in diesem schweren Moment bei." Beide Teams liefen mit Trauerflor auf, vor dem 264. Duell der Rivalen wurde eine Schweigeminute gehalten, die Fans riefen Flicks Namen, und er kämpfte mit den Tränen. Dass Real Madrid diese Geste mittrug, gehört in die Notizen eines Spiels, das sonst immer nur um sich selbst kreist. Die Spieler haben den Abend auf ihre Weise einsortiert. "Dieser Sieg ist für die gesamte Familie Flick. Er gehört ihnen", sagte Innenverteidiger Pau Cubarsi, und man spürt in dem Satz, dass er nicht nachträglich zurechtgelegt wurde. Eric García ergänzte: "Es war ein harter Tag für den Trainer und für alle. Wir sitzen alle im selben Boot." Er sprach außerdem das aus, was das Jahr dieses Trainers zusammenfasst: "Wir haben einen Trainer, der uns zu Höchstleistungen anspornt." Eine Kabine, die in diesen Stunden nicht Parolen ausgibt, sondern ihren Trainer trägt, ist mehr wert als jede Aufstellung. Sportlich ist die Einordnung schnell erledigt: Es ist die zweite Meisterschaft in Folge für Flick mit dem FC Barcelona, gewonnen im direkten Duell mit dem großen Rivalen, und damit auf die denkbar sauberste Weise. Alles andere an diesem Tag entzieht sich der Einordnung, und das ist gut so. Titel werden oft schnell zu Zahlen in einer Vitrine. Dieser hier wird in der Familie Flick einen anderen Platz bekommen, und wenn man den Worten seiner Spieler folgt, dort auch im Verein. Man wird Flick in den nächsten Tagen nicht bei Pressekonferenzen über Taktik reden sehen wollen, sondern ihm Ruhe gönnen. Der Rest kann warten. Der Clásico ist gespielt, der Titel ist da, und zum ersten Mal seit langem war bei einer Meisterfeier die wichtigste Geschichte nicht das Ergebnis.