Gladbach im freien Fall: Ein Rekord, den niemand will

Tabellenletzter mit fünf Punkten Rückstand, sechs Niederlagen in Folge - und es wird immer schlimmer. Neun Profis fehlen Borussia Mönchengladbach in Stuttgart, darunter Torjäger Tim Kleindienst. Jetzt droht Historisches

Teilen
Alexander Blessin (Borussia Moenchengladbach, Trainer) stellt sich den Fragen der anwesenden Journalisten. Pressekonferenz Borussia Moenchengladbach vor dem Spiel beim VfB Stuttgart, Fussbal
Foto: IMAGO/Eibner

Isac Lidberg wird in der 51. Minute gegen die TSG Hoffenheim ausgewechselt, angeschlagen. Beim 1:2 war das, am vergangenen Wochenende. Nun fällt der Schwede auch in Stuttgart aus, muskuläre Beschwerden. Und niemand bei Borussia Mönchengladbach wirkt noch überrascht, wenn ein weiterer Name auf die Liste wandert. Haste kein Glück, kommt auch noch Pech dazu.

Denn diese Liste ist das eigentliche Thema dieses Freitagabends. Neun Profis fehlen Borussia beim VfB Stuttgart, darunter Kapitän Tim Kleindienst mit Muskelfaserriss und Nicolas Kühn, die Leihgabe vom italienischen Erstligisten Como 1907, nach einem Muskelbündelriss im linken Oberschenkel. Was Gladbach droht, ist kein schlechter Lauf mehr, sondern ein Klub im freien Fall.

Die Zahl dahinter ist unbarmherzig: Das punktlose Schlusslicht kann als erste Mannschaft der Bundesliga-Geschichte die ersten sieben Saisonspiele verlieren. Noch nie ist das einer Mannschaft passiert. Es gibt also keinen Vorgänger, der sagen könnte, dass man da wieder herauskommt – es gibt nur Gladbach, das gerade dabei ist, den Maßstab neu zu setzen.

Alexander Blessin, der Trainer, weiß, wie das klingt, und sagt es trotzdem. „Wir müssen bereit sein, leiden, dagegenhalten“, so Blessin, „wir können nur als Gemeinschaft bestehen.“ Er fügt selbst hinzu, was das ist: „Das sind jetzt wieder schöne Plattitüden.“ Ein ehrlicher Satz. Nur ändert Ehrlichkeit nichts an der Rechnung, dass eine Gemeinschaft erst einmal elf gesunde Spieler voraussetzt.

Dass dem VfB Stuttgart auch etwas misslingen kann, ist keine abwegige Hoffnung. Die Schwaben spielten unter der Woche 1:1 in der Champions League gegen Atlético Madrid und überzeugten dabei. Blessin baut genau darauf: „Jeder geht davon aus, dass es ein klares Ergebnis wird. Aber da haben wir schon etwas dagegen.“

Der Satz hat Charme, und er hat ein Problem. Ein müder Gegner hilft einer Mannschaft, die aus dem Vollen schöpft und einen Plan auf dem Platz umsetzen kann. Er hilft nicht einer Elf, die neun Profis ersetzen muss und deren Kapitän in der Kabine sitzt. Blessins eigenes Rezept verrät die Lage: „... dass wir Fehler auf dem Platz machen werden. Aber es geht darum, wie wir diese in der Gruppe dann auch versuchen zu löschen.“ Er plant die Fehler schon ein und redet nur noch darüber, wie man sie wieder wegwischt. Wer so plant, plant mit dem Mangel.

„Wir müssen an unsere Grenzen gehen. Und dann haben wir eine Chance“, sagt Blessin. Das ist der Ton eines Mannes, der genau weiß, wie schmal diese Chance ist. Eine Mannschaft, die seit sechs Spielen keinen Punkt geholt hat und der neun Profis fehlen, geht nicht als Außenseiter nach Stuttgart. Sie geht als Klub, der dem Abgrund beim Namen lauscht.

Lidbergs muskuläre Beschwerden sind der jüngste Beweis derselben Diagnose: Gladbach verliert nicht an einem Gegner, Gladbach verliert an sich selbst – und am Freitag womöglich einen Rekord, den vor ihm keiner wollte.