FIFA und die eigene Unabhängigkeit: Eine Behauptung, die sich selbst widerlegt

Ein Präsidentenanruf, ein einzelner Funktionär, eine ausgesetzte Sperre. Wenn das genügt, ist die Distanz der Kommission nur noch Behauptung.

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FIFA und die eigene Unabhängigkeit: Eine Behauptung, die sich selbst widerlegt
IMAGO/Offside Sports Photography

Es gibt in der FIFA ein Wort, das wie ein Schutzschild getragen wird, wenn es unbequem wird: Die Disziplinarkommission sei "unabhängig". Gianni Infantino hat das Wort benutzt, als Donald Trump ihn wegen der Roten Karte gegen Folarin Balogun anrief und eine Überprüfung der Sperre forderte. Er habe den US-Präsidenten auf ebendiese Unabhängigkeit hingewiesen, ließ der FIFA-Präsident anschließend wissen. Und dann wurde die Sperre trotzdem zur Bewährung ausgesetzt. Balogun durfte gegen Belgien spielen.

Wer diesen Ablauf nüchtern betrachtet, kommt nicht umhin, die Reihenfolge zu würdigen: Anruf des mächtigsten Mannes der Vereinigten Staaten, Verweis auf die Unabhängigkeit, Begnadigung. Unabhängigkeit, die zu genau dem Ergebnis führt, das der Anrufer wollte, ist ein Wort, das sich selbst widerlegt. Man muss der Kommission keine Absicht unterstellen, um festzuhalten, dass der Vorgang jeden Anschein von Distanz zerstört. Der Anschein ist in der Justiz keine Nebensache. Er ist die halbe Sache.

Noch schwerer wiegt, was die Times nun berichtet. Es war offenbar kein Gremium, das hier abwog, sondern ein einziger Funktionär. Mohammad Al-Kamali, Vorsitzender der Disziplinarkommission, setzte die Sperre demnach im Alleingang aus, ohne die 17 weiteren Mitglieder einzubeziehen. Dass in FIFA-Verfahren ein einzelnes Ausschussmitglied entscheiden kann, ist nicht ungewöhnlich. Aber bei wichtigen Fällen entscheiden häufig drei gemeinsam, und Al-Kamali habe zuletzt nie allein entschieden. Ausgerechnet in dem Fall, der bereits durch einen Präsidentenanruf belastet war, fiel diese Vorsicht weg.

Genau hier liegt der Kern. Eine Rote Karte zieht automatisch eine Sperre nach sich. Diese Regel ist stumpf, aber sie ist verlässlich, und ihre Verlässlichkeit ist ihr Wert. Wer sie aussetzen will, greift zu Artikel 27, der das erlaubt. Doch je weiter man vom Regelfall abweicht, desto höher wird die Begründungslast. Eine Ausnahme, die ein Einzelner ohne das Gremium trifft, nachdem Druck von außen aktenkundig geworden ist, kehrt das Verhältnis um: Nicht die Regel muss sich rechtfertigen, sondern die Ausnahme. Diese Rechtfertigung fehlt bislang.

Bezeichnend ist das Schweigen. Die FIFA ließ eine Anfrage zunächst unbeantwortet, Al-Kamali reagierte nicht auf die BBC. Eine Institution, die auf ihre Unabhängigkeit pocht, müsste das größte Interesse daran haben, den Verdacht der Einflussnahme auszuräumen. Sie täte es mit Transparenz: wer entschied, auf welcher Grundlage, mit welcher Abwägung. Stattdessen Stille. Und Stille wirkt in einem Fall wie diesem nicht neutral. Sie bestätigt den Eindruck, den sie widerlegen müsste.

Man kann einwenden, es gehe um eine einzige Sperre in einem einzigen Achtelfinale, das die USA ohnehin mit 1:4 gegen Belgien verloren. Balogun spielte, Balogun verlor, was soll's. Doch der sportliche Ausgang ist irrelevant für die Frage, die hier verhandelt wird. Es geht nicht um ein Ergebnis, sondern um ein Verfahren, und ein Verfahren ist nur so viel wert wie seine Unbestechlichkeit vom ersten bis zum letzten Fall. Wenn ein Anruf und ein einzelner Funktionär genügen, um die automatische Folge einer Roten Karte auszuhebeln, dann ist die Unabhängigkeit der Disziplinarkommission kein Schutzschild mehr, sondern eine Behauptung. Und Behauptungen tragen nicht, wenn der nächste Anruf kommt.

Unbedingt lesen: Medien: Nur ein Funktionär entschied im Fall Balogun