FC Thun peilt ersten Meistertitel an und benötigt vier Millionen
Bei einem Klub, der mit sechs Millionen Franken Personalkosten auskommt, schlägt jetzt Umsatz-Einbruch sofort durch
Vier Millionen Franken musste der FC Thun im März 2026 als Überbrückungskredit aufnehmen. Ein Großaktionär, der eigentlich Ende Januar an Bord kommen sollte, hatte sich kurz zuvor wieder verabschiedet. Mäzen Beat Fahrni, der in den vergangenen Jahren mehrfach in den Klub investiert hatte, gab Ende März die operative Führung ab.
Die Stadiongenossenschaft Arena Thun sprang ein. Die Mittel waren ursprünglich für Renovationsarbeiten am Stadion vorgesehen und wurden als Wandeldarlehen vergeben. Zur selben Zeit führte genau dieser Verein die Brack Super League mit 72 geschossenen Toren in 32 Spielen an und stand vor dem ersten Meistertitel seiner 128-jährigen Geschichte. 15 Punkte Vorsprung auf den FC St. Gallen. Ligabestwert beim Torverhältnis.
Der Schweizer Fußball lebt von anderen Quellen als die Bundesliga. Kantonalbanken finanzieren Vereine über Jahrzehnte, Fintech-Firmen wie Yuh drängen als neue Partner bei den Young Boys, und einen nicht unwesentlichen Teil trägt das regulierte Glücksspiel bei: Swisslos schüttete 2024 insgesamt 596 Millionen Franken an gemeinnützige Zwecke aus, davon fließen jedes Jahr 60 Millionen über die Stiftung Sportförderung Schweiz in den Schweizer Sport. Seit dem Geldspielgesetz von 2019 können Fans in der Schweiz zwischen zahlreichen Anbietern wählen, die für das Online-Glücksspiel in der Schweiz zugelassen sind, und die Einnahmen aus diesem regulierten Markt finanzieren Nachwuchsprogramme und Infrastruktur. Für einen Klub, der mit sechs Millionen Franken Personalkosten auskommt, macht jeder Rückfluss aus solchen Töpfen den Unterschied.
Der Trainer, der 2005 selbst gegen Arsenal gespielt hat
Mauro Lustrinelli machte mit 22 seine erste Trainerausbildung – damals stand er beim Profikader von Bellinzona in der Nationalliga B unter Vertrag und finanzierte sich nebenbei mit dem Job als D-Junioren-Trainer sein Wirtschaftsstudium in Lugano. Profi wurde er erst mit 23, sein erster Lohn als Profi: 100 Franken. 2005 stand der Tessiner für den FC Thun in der Champions-League-Gruppenphase auf dem Rasen, gegen Arsenal, gegen Ajax und gegen Sparta Prag. Die Heimspiele fanden im Stade de Suisse in Bern statt, weil das alte Lachenstadion den UEFA-Auflagen für die Champions League nicht genügte.
2022 gab er seinen Posten als U21-Nationaltrainer auf, um Thun in der Challenge League zu übernehmen. Bescheidenes Salär, Heimatgefühle. Seine Söhne sprechen Berndeutsch, obwohl er aus der Region Bellinzona stammt. Nach dem Aufstieg 2025 sagte Lustrinelli, er sei überglücklich, stolz, im siebten Himmel. Es sei fantastisch, brutal.
Im Dezember drehte sein Team ein 0:2 zur Pause gegen den FC Zürich in einen 4:2-Sieg und sicherte sich damit den Titel des Wintermeisters – als erster Aufsteiger in der Geschichte der Super League. Was dieses Team zusammenhält, dreht sich weniger um taktische Finessen, sondern eher um die Konsequenz. In zweieinhalb Jahren konnte Thun 188 Punkte sammeln. Rolf Fringer, Experte bei blue Sport, sagte: Wenn man so im Flow sei, werde die Mannschaft besser als ihre elf Einzelspieler. Admir Mehmedi ergänzte bei Kicker, man sehe hier, dass Erfolg ohne das große Geld möglich sei, wenn die richtigen Leute einen klaren Plan verfolgten.
Der kostet Thun in Thun nur ein Sechstel von dem, was die Konkurrenz auf den Tisch legt.
Sechs Millionen kontra vierzig
Thuns Personalbudget von sechs Millionen Franken steht gegen YBs 40 Millionen und die knapp 20 Millionen des FC Zürich. Brighton Labeau, Captain der Nationalmannschaft Martiniques, geboren in Aubervilliers bei Paris, wechselte im August 2025 vom französischen Zweitligisten EA Guingamp ins Berner Oberland. Die kolportierte Ablöse von 700.000 Euro wäre nach Branchenangaben der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte – offiziell bestätigt ist sie nicht. In der Saison 2022/23 hatte er mit 19 Treffern die Torjägerkrone der Challenge League gewonnen und den Aufstieg von Lausanne-Sport eingeleitet. In Basel hätte seine Ablöse kaum die Vermittlerprovision gedeckt. Der FCB erwirtschaftete 2024 allein 57 Millionen Franken durch Spielerverkäufe.
Auf die Frage nach Meisterprämien räumte Präsident Gerber ein, daran habe nach dem Aufstieg im Sommer wirklich niemand gedacht. Wie schon 2005, als ungeklärte Prämien großen Wirbel auslösten. Gerber war damals Captain, jetzt Präsident. Die Geschichte wiederholt sich in den Details, nur die Summen bleiben klein.
Titelkandidat sucht Großinvestor
Beat Fahrnis Aktienanteil am Verein sank von 35 auf 21 Prozent, weil er bei den letzten Kapitalerhöhungen kürzer getreten war. Der geplante Einstieg eines neuen Geldgebers platzte im Januar 2026. Die FC Thun AG benötigte daraufhin den Überbrückungskredit von der Stadiongenossenschaft.
Das ist die Nebenstory, die in den BBC-Porträts und L'Equipe-Reportagen untergeht. Ein Verein spielt die beste Saison seiner Geschichte und hängt trotzdem finanziell am Tropf. Beim FC Zürich schoss das Ehepaar Canepa in den vergangenen zwei Jahren 17 Millionen Franken ein. Zürich steht auf Platz zehn. Ohne Trikotsponsor. Der Zusammenhang zwischen Budget und sportlichem Ertrag war in der Schweiz selten so lose wie in dieser Saison.
10.014 Plätze und die Frage nach Europa
Die Stockhorn Arena erfüllt als Kategorie-4-Stadion die Champions-League-Anforderungen auf dem Papier. 10.014 Plätze, 100 VIP-Sitze, 50 Medienplätze. 2005 musste Thun nach Bern ausweichen. Diesmal, so war aus dem Klub zu hören, wolle man den Heimvorteil behalten.
Lustrinelli traf damals gegen Malmö im Rückspiel der dritten Qualifikationsrunde doppelt – sein Doppelpack beim 3:0 brachte Thun in die Königsklasse. Jetzt coacht er die Mannschaft, die ihn zurück nach Europa bringen könnte. BBC-Reporter Alex Brotherton nannte das, was Thun leiste, eine unglaubliche Geschichte. Im Inland bleibt die Resonanz verhaltener. Die Berner Zeitung fragte Ende Februar, warum das Thuner Märchen die Fußballschweiz so kalt lasse.
Vielleicht, weil ein Aufsteiger mit Überbrückungskredit nicht in die Heldengeschichte passt, die alle erzählen wollen.