Fairplay und Respekt fallen nicht vom Himmel auf den Platz

Wollen wir den Amateurfußball schützen, müssen wir Fehlverhalten klar benennen und Verantwortung in Vereinen sowie Verbänden einfordern - findet Gerd Thomas

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Fairplay und Respekt fallen nicht vom Himmel auf den Platz

Tatort Kreisliga B: Dritter gegen Fünfter um die Goldene Ananas. Und das Spiel endet nach der 4. Roten Karte für die Gäste mit einer Jagd auf den Schiedsrichter. Da RPB (Name gekürzt) auch noch einen Verletzten vom Feld nehmen musste und keinen Ersatz hatte, kam der technische K.O. für den BSC zur Anwendung. Dabei bot das Spiel hohe Dramatik. Die Heimmannschaft führte schon mit 2:0, dann drehte der Gegner in Unterzahl das Spiel und stellte auf 2:3. Schließlich folgte der Abbruch, denn sechs Spieler sind einer zu wenig.

Szenenwechsel zur Kreisliga A: Die Heimelf muss gewinnen, um den Abstieg zu vermeiden. Die Konkurrenz, dritte Mannschaft eines Profivereins, hatte am Vortag gewonnen und dabei drei Ex-Profis aus der Ü32 eingesetzt. Man muss sich also strecken und gewinnen. Der Plan scheint aufzugehen, zur Halbzeit steht es 3:1. Doch dann fliegt einer runter, der Gegner hat Überzahl und gleicht noch aus, alles scheint verloren. Aber in der 95. Minute schiebt Omar zur 4:3-Führung ein. Was folgt sind zwei weitere rote Karten für die Heimelf, aber auch noch eine für den Gast. Schließlich setzt der Schiedsrichter dem Treiben ein Ende, der Klassenerhalt ist gesichert.

Und die Profis? Man kann davon ausgehen, dass derlei Dinge in den Bundesligen nicht passieren würden, wobei es auch da schon eigenartige Ergebnisse am letzten Spieltag gegeben hat, wenn auch nicht mit vergleichbaren Karten-Exzessen. Die Kreisliga ist aber eben die Kreisliga - im berühmt-berüchtigten Café King setzte man eher auf bezahlte Aktive.

Ist es schlimmer geworden? War früher alles besser?

Die Statistiken sind uneinheitlich und vor allem durch die vermutlich sehr hohe Dunkelziffer nur bedingt aussagekräftig. Auch das Saisonende kann nicht als Grund für die „Ausraster“ herhalten. Laut der Gewaltforscherin Dr. Thaya Vester gibt es den meisten Stress auf den Plätzen im Herbst, warum auch immer. Wahrscheinlich wird da die Laune schlechter.

Viele Dinge werden gar nicht angezeigt, die Schiedsrichter schreiben nur ungern Sonderberichte. Verhandlungen vor dem Sportgericht sind auch für sie oft unangenehm. Denn dort nehmen es die Angeklagten und deren Verteidiger – in der Regel Vereinsvertreter - oft nicht so genau mit der Wahrheit, um es vornehm auszudrücken. Zudem sind viele Vorsitzende der verhandelnden Kammern keine Volljuristen und verlassen sich vor allem auf ihre Erfahrungswerte.

Klar ist: Auf dem Platz vergessen sich immer wieder Menschen. Bei einigen muss man sich fragen, ob Fußball die richtige Sportart für sie ist. Abseits des Platzes sind sie oftmals lammfromm, auf dem Feld kommen sie vor allem mit der besonderen Gruppendynamik nicht klar. Ich beobachtete jüngst ein Spiel, in dem es um nichts, aber auch um gar nichts mehr ging. Der gegnerische Spielführer ließ sich im Streit mit Mitspielern und seinem Trainer nach 25 Minuten auswechseln. Sein Stellvertreter tat nicht viel dafür, das Spiel ruhig zu halten – im Gegenteil. „Hier in Berlin wird Deutsch gesprochen!“ So eine Aussage lässt tief blicken.

Nach einem Torerfolg seines Gegners gab es eine Geste in seine Richtung – auch überflüssig. Fünf Minuten später Gerangel, ein Mitspieler eilt seinem Kumpel zur Hilfe, der Kapitän – ganz Vorbild – provoziert weiter, es entsteht eine kleine Rudelbildung. Glücklicherweise war wenigstens der Schiedsrichter tiefenentspannt und beruhigte die Situation souverän. Die aber zeigte, wie schnell sich Dinge hochschaukeln, sogar in Spielen, in denen alle einen entspannten Nachmittag hätten haben können. Oft hört man, die Profis im Fernsehen seien schlechte Vorbilder. Mag sein, aber als Rechtfertigung für schlechtes Benehmen reicht diese Behauptung nun wirklich nicht aus.

Vereinen und Verbänden kommt große Verantwortung zu

Nach rund 50 Jahren als Aktiver und Ehrenamtlicher bin unverdächtig, den Amateurfußball als latent gewalttätig zu diskreditieren. Gleichwohl müssen wir in den Vereinen und Verbänden schon aus Imagegründen daran arbeiten, den Umgang respektvoll zu gestalten. „Der Fußball ist doch nur das Spiegelbild der Gesellschaft.“, heißt es oft. Keine hinreichende Entschuldigung für Fehlverhalten, zumal der Satz nur in Teilen stimmt.

Wir alle sollten uns vornehmen, mit den besten Vorsätzen in die neue Saison zu gehen. Vorstände und Jugendleitungen tun gut daran, ihren Trainern und Spielern (denn Stress machen fast nur Männer) klar zu vermitteln, dass sie von ihnen Fairplay sowie vernünftige Manieren und nicht nur Tore und Punkte erwarten. Die Verbände tun gut daran, den Schiedsrichtern vor allem die nötige Sozialkompetenz zu vermitteln. Denn auch Unparteiische schaffen es manchmal, ein Spiel völlig unnötig zur Eskalation zu bringen. Sozialkompetenz ist auch das Stichwort für Trainerausbildungen. Denn vor allem die Coaches haben massiven Einfluss auf das Geschehen.

Einige Vorstände sollten einfach zurücktreten

Vor einigen Jahren hatten wir eine Sportgerichtsverhandlung, weil sich die Gegner massiv gewalttätig waren. Ein Spieler wurde nach dem Spiel in den Schwitzkasten genommen und geschlagen, sogar die Frau am Catering wurde körperlich angegangen. Vor dem Sportgericht wurde gelogen, dass sich die Balken bogen - das Verfahren endete tatsächlich mit einem Freispruch. Ich riet dem stadtbekannten Vereinsvorsitzenden, seine Spieler zum Anti-Gewalt-Training zu schicken. Dafür hätte er kein Geld, war seine Antwort. Darauf erwiderte ich: „Dann leg dein Amt nieder oder mach euren Laden einfach dicht. Du bist der Verantwortung nicht gewachsen.“ Er führt den Verein bis heute.

Als der Jugendleiter eines seiner Nachbarvereine vor 10 Jahren vor dem Sportgericht der Spielmanipulation überführt wurde, bekam er ein Jahr Ausübungsverbot. Der Intelligenzbolzen hatte versucht, per SMS ein Spiel zu kaufen. Zwei Wochen später stand er wieder aktiv am Spielfeldrand. Als ich beim damaligen Verbands-Jugendchef intervenierte, zuckte der nur mit den Schultern und sagte: „Tja, Gerd, was sollen wir dagegen machen?“ Seine hilflose Aussage zeigt, dass nicht nur die Vereine ihre Hausaufgaben machen müssen.