Erst Trump-Anruf, dann Bewährungsstrafe: Die FIFA schuldet dem Fußball Antworten
Balogun darf gegen Belgien spielen, nachdem Trump bei Infantino interveniert hat. Wer schweigt, kippt die Beweislast gegen sich selbst.
Es ist eine bemerkenswerte Konstellation, wenn ausgerechnet Joseph Blatter der amtierenden FIFA-Spitze ins Stammbuch schreibt, wie unabhängig Sportgerichtsbarkeit zu funktionieren habe. Der 90-Jährige, dessen eigene Amtszeit nun wirklich nicht als Referenz für institutionelle Sauberkeit taugt, meldet sich zum „Fall Balogun" zu Wort – und stellt eine Frage, die man nicht mehr los wird: Quo vadis, FIFA? Man kann die Ironie dieser Wortmeldung notieren, man muss die Sache selbst aber ernst nehmen. Denn was am Sonntag geschehen ist, verlangt Erklärungen, die bislang niemand geliefert hat.
Die Faktenlage ist knapp und unbequem. Die FIFA hat die Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun aus dem WM-Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina zur Bewährung ausgesetzt. Damit ist der Angreifer im Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht zum Dienstag spielberechtigt. Laut AFP und New York Times hat US-Präsident Donald Trump zuvor persönlich bei FIFA-Chef Gianni Infantino angerufen und um eine Überprüfung der Roten Karte gebeten. Zwischen diesen beiden Vorgängen liegt ein Zusammenhang, den die FIFA von sich aus ausräumen müsste – und den sie bislang nicht ausräumt.
Blatter formuliert das, was viele denken, und er tut es mit der Nüchternheit eines Regelwerks: „Rote Karten werden im Fußball nicht durch politische Interventionen aufgehoben – sondern nach klaren Regeln und durch unabhängige Instanzen." Dass er hinzufügt, der Fußball dürfe nie zum Spielball der Politik werden, ist keine Phrase, sondern die schlichte Beschreibung eines Prinzips, ohne das jeder Wettbewerb seinen Sinn verliert. Wenn ein Staatschef anruft und ein Spieler am nächsten Turniertag wieder auf dem Platz steht, dann kippt die Beweislast. Dann muss der Verband erklären, warum das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Diese Erklärung fehlt.
Auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Mitglied im FIFA-Council, fordert Aufklärung und spricht von der Integrität des Wettbewerbs und der Glaubwürdigkeit der FIFA. Das ist deutlich, und es ist wichtig, dass es aus dem Council selbst kommt, nicht nur aus der Distanz eines Pensionärs. Denn die Frage betrifft nicht nur die USA und Belgien, sie betrifft jedes Team, das in diesem Turnier noch eine Sperre hinnehmen muss. Warum sollte der nächste vom Platz gestellte Stürmer sich mit dem Regelwerk zufriedengeben, wenn ein Anruf aus dem Weißen Haus offenbar mehr bewirkt als eine Berufung? Die Antwort auf diese Frage hat die FIFA zu geben, nicht die Öffentlichkeit.
Die eigentliche Pointe des Vorgangs liegt darin, dass er die FIFA selbst schwächer macht als jede sportliche Fehlentscheidung. Ein Verband, dessen Sanktionen unter Vorbehalt politischer Rücksprachen stehen, verliert das, was er als einziges besitzt: die Behauptung, seine Regeln gälten für alle gleich. Blatter mag ein unbequemer Kronzeuge sein, und man muss seine Rolle in der Geschichte des Verbands nicht neu bewerten, um seiner Frage recht zu geben. Sie ist berechtigt, und sie wird nicht kleiner, wenn man sie ignoriert.
Was jetzt zu tun wäre, ist einfach zu benennen und schwer umzusetzen. Die FIFA müsste offenlegen, auf welcher Grundlage die Sperre zur Bewährung ausgesetzt wurde, welche Instanz entschieden hat und wann. Sie müsste Trumps Anruf einordnen und erklären, warum er ohne Einfluss geblieben sein soll. Solange das nicht geschieht, bleibt Blatters Frage im Raum stehen. Und sie klingt lauter, als es dem Weltverband lieb sein kann.