Drei Tage vorm WM-Anpfiff: Fanbündnis "Unsere Kurve" stellt FIFA die Quittung aus
Einreisehürden, Meinungsverbote im Stadion, Pathos drumherum: Die organisierte Fanszene beschreibt eine Doppelmoral, die der Weltverband nicht abräumen kann.
Drei Tage vor dem Anpfiff meldet sich eine Stimme zu Wort, die im Trubel um Auslosungstabellen und Kadernominierungen sonst kaum durchdringt. Das Fanbündnis "Unsere Kurve" hat die an diesem Donnerstag beginnende Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko in seltener Schärfe abgewatscht. Von einem "Paradebeispiel für Ausgrenzung und kommerzielle Vereinnahmung" ist die Rede. Wer die organisierte Fanszene in Deutschland kennt, weiß: Das ist kein Schaufenstersatz, sondern eine Bestandsaufnahme, hinter der eine längere Beobachtung steht.
Sprecher Thomas Kessen formuliert es so: "Diese WM führt den Gedanken eines offenen Turniers für alle ad absurdum." Der Satz zielt auf einen Kern, den die FIFA in ihren Marketingfilmen gerne anders zeichnet. Ein Welt-Turnier soll, der Idee nach, für möglichst viele zugänglich sein – für Fans aus möglichst vielen Ländern, mit möglichst unterschiedlichen Biografien. Wenn ausgerechnet die Eintrittsfrage zum Filter wird, kollidiert das mit dem Selbstbild des Veranstalters.
"Unsere Kurve" zählt konkrete Punkte auf, und das ist der Teil, an dem sich die Kritik nicht in Empörung erschöpft. Politische Ausgrenzung durch Einreiseverbote wird genannt, dazu lokale Gesetzgebung mit Blick auf sexuelle Orientierung oder politische Gesinnung. Es geht also nicht um eine abstrakte Atmosphäre, sondern um die Frage, wer überhaupt einreisen, sich zeigen, sich äußern darf. Drei Gastgeberländer, drei Rechtsräume, drei unterschiedliche Schwellen – und über allem ein Verband, der seine eigenen Regeln dazulegt.
Genau diese doppelte Schicht ist es, die Vorsitzender Jost Peter benennt, und sein Vorwurf hat es in sich: "Während die FIFA Fans und Aktiven das Recht auf freie Meinungsäußerung im Stadion systematisch beschneidet, nutzen die Regierungen der gastgebenden Länder die Bühne schamlos für geopolitische PR und nationalen Pathos. Diese Doppelmoral ist für uns unerträglich." Der Satz beschreibt eine vertraute Mechanik. Im Innenraum wird das Banner kassiert, der T-Shirt-Aufdruck moniert, die Geste sanktioniert. Außen herum dürfen Politiker das Turnier zur Selbstinszenierung benutzen, und keiner zieht ihnen die Pfeife.
Hinzu kommen die Punkte, die Fans seit Jahren an jedem großen Turnier festmachen, auch jenseits politischer Fragen. Hohe Ticketpreise, hohe Preise im öffentlichen Nahverkehr, dazu die großen Distanzen zwischen den Spielorten. Wer mit eigenem Geldbeutel anreist, statt mit dem Akkreditierungsband eines Sponsors, merkt schnell, wer hier eingeplant ist und wer nicht. Ein Turnier über drei Länder ist logistisch ohnehin eine Wucht; wenn dann auch noch die Reisekosten den Stadionbesuch zur Investition machen, schrumpft die Zielgruppe weiter.
Man muss diese Kritik nicht in jedem Punkt teilen, um zu sehen, dass sie etwas Notwendiges leistet. Sie schiebt die Perspektive der Zuschauer wieder ins Bild, in einer Woche, in der vor allem über Aufstellungen und TV-Quoten geredet wird. Und sie erinnert daran, dass die FIFA mit der Vergabe an drei Gastgeber nicht nur eine sportliche, sondern eine politische Verantwortung übernimmt, die sie an der Stadiontür nicht abgeben kann. "Unsere Kurve" hat aufgeschrieben, was viele am Bildschirm spüren werden, wenn am Donnerstag der Ball rollt. Dass ein Eröffnungsspiel die Fragen nicht beantwortet, gehört zu diesem Turnier dazu.