Was 6000 Fans von Hansa Rostock in London veranstalteten, lässt sich nicht kaufen
In London kehrte Hansa Rostock die Rangordnung des Profifußballs um. Was die Fans lieferten, taucht in keiner Bilanz auf – und lässt sich nicht kaufen.
6000 Menschen reisen nach London, um ein Testspiel von Hansa Rostock zu sehen. Nicht ein Pokalfinale, nicht ein Duell mit sportlichem Wert – ein Freundschaftsspiel eines deutschen Drittligisten beim FC Watford. Das Ergebnis, ein 0:3 aus Rostocker Sicht, ist am Ende dieses Tages die unwichtigste Zahl von allen. Wer verstehen will, was einen Fußballklub trägt, findet in diesem Wochenende mehr Antworten als in mancher Tabelle.
Andreas Voglsammer hat nach der Niederlage nicht über die drei Gegentore gesprochen, sondern über den Moment beim Aufwärmen: "absoluter Wahnsinn", ein "absoluter Gänsehautmoment". Trainer Daniel Brinkmann beschrieb den Weg ins Vicarage Road Stadium so, als sei Rostock der Gastgeber gewesen: "du hast ein Heimspiel hier". Und Jonas Dirkner ordnete das Ganze in eine Kategorie ein, die ein Klub der 3. Liga sportlich nie erreicht: "ein bisschen Europa-League- oder Champions-League-Feeling". Drei Vereinsvertrete, drei Sätze, ein gemeinsamer Nenner: Nicht das Spiel hat den Tag geprägt, sondern die Menschen auf den Rängen.
Das ist bemerkenswert, weil es die übliche Rangordnung des Profifußballs umkehrt. Normalerweise definiert sich ein Verein über seine Liga, seine Platzierung, seine Ergebnisse. In London war es umgekehrt. Die Liga spielte keine Rolle, das Ergebnis noch weniger. Was blieb, war das Bild eines Flughafens voller Hansa-Fans, wie Brinkmann es schilderte, und einer Kulisse, die einem Drittligisten für einen Nachmittag das Gefühl gab, in Europa angekommen zu sein. Die Fans lieferten, was der sportliche Rahmen nicht hergibt.
Man kann darüber leicht hinweggehen, weil ein Testspiel nun einmal keine Punkte bringt. Aber genau das ist der Punkt. Ein 0:3 ist am nächsten Morgen vergessen. Dass Tausende bereit sind, für ein bedeutungsloses Spiel auf die Insel zu fliegen, ist es nicht. Diese Bereitschaft ist kein Nebenprodukt sportlichen Erfolgs – sie existiert unabhängig davon. Sie ist das eigentliche Kapital, und sie lässt sich nicht kaufen, nicht durch einen Aufstieg erzwingen und nicht durch eine gute Saison herstellen.
Es lohnt sich, diesen Wert ernst zu nehmen, gerade weil er sich jeder Bilanz entzieht. Vereine messen sich an Aufstiegen, an Zuschauerschnitten, an Erlösen. Was in London zu sehen war, taucht in keiner dieser Größen sauber auf: die Verlässlichkeit einer Anhängerschaft, die mitgeht, wenn es nichts zu gewinnen gibt. Ein Klub, der das hat, besitzt etwas, das ihn über sportliche Talfahrten hinweg trägt. Und ein Klub, der das nicht pflegt, riskiert das Einzige, das ihm auch in der 3. Liga niemand nehmen kann.
Am kommenden Samstag kommt Borussia Mönchengladbach zum nächsten Test, am 9. August beginnt die Drittliga-Saison bei der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim. Dort geht es dann wieder um Punkte, um Tabellenplätze, um das nüchterne Geschäft einer langen Spielzeit. Der Tag von London aber erinnert daran, worauf all das eigentlich steht. Nicht auf dem Ergebnis, sondern auf denen, die kommen – auch nach London, auch bei 0:3.
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