Die USA demütigen nicht nur Afrika: Wenn der Gastgeber entscheidet, wer zur WM darf
Ivorische Anhänger sagen ihre Reise ab, weil die USA sie nicht wollen. Eine Serie, die das Selbstverständnis des Turniers beschädigt.
Es ist eine WM, die jeden Tag ein neues Kapitel schreibt, das nichts mit Fußball zu tun hat. Diesmal trifft es die Elfenbeinküste, also ausgerechnet jenen Gruppengegner, gegen den die deutsche Mannschaft am 20. Juni in Toronto spielt. Die "Elefanten" werden ihre beiden Partien in Philadelphia, am Montag gegen Ecuador und am 25. Juni gegen Curacao, ohne nennenswerte Unterstützung aus der Heimat bestreiten müssen. Die Fans sind nicht da, weil sie nicht da sein dürfen. Das ist kein Missverständnis, kein bürokratisches Versehen, das sich in der Warteschleife einer Botschaft erklären ließe. Julien Kouadio Adonis, Präsident des National Committee of Elephants Supporters, hat es gegenüber der Nachrichtenagentur AFP in einer Klarheit gesagt, die wenig Spielraum lässt: "Die Fans haben die Reise abgesagt, weil die US-Regierung keine Anhänger aus bestimmten Ländern, darunter die Elfenbeinküste, auf ihrem Boden sehen will." Und weiter: "Die USA haben uns gegenüber klar zum Ausdruck gebracht, dass sie unsere Fans nicht dort haben wollen." Im März hatte Kouadio noch von 500 anreisenden Fans aus Afrika gesprochen. Geblieben ist eine Handvoll Funktionäre, die sich bei der WM um die in den USA ansässigen ivorischen Fans kümmern soll. Man muss diese Zahlen kurz auf sich wirken lassen. 500 Menschen, die ein Jahr lang sparen, planen, hoffen — und am Ende eine Reise absagen, weil die Tür von vornherein zu ist. Eine Weltmeisterschaft lebt von genau diesen Menschen. Von Trommeln auf den Rängen, von Trikots in einer Stadt, in der sonst niemand das Land auf der Karte findet, von der Selbstverständlichkeit, dass Fußball ein globales Spiel mit globalem Publikum ist. Wer das wegsperrt, lässt die Kulisse schrumpfen, bevor der Anpfiff ertönt. Die Elfenbeinküste ist dabei nur der jüngste Fall in einer Reihe, die längst kein Zufall mehr sein kann. Der somalische Schiedsrichter Omar Artan hatte ein Visum, durfte nach seiner Einreise aber dennoch nicht in den USA bleiben. Die Teams aus dem Iran und Südafrika mussten lange auf ihre Visa warten. Der Schweizer Breel Embolo erhielt seines verspätet. Auch schottische Fans klagten zuletzt über Probleme bei der Anreise. Es trifft Spieler, Offizielle, Unparteiische und Anhänger gleichermaßen, und es trifft sie nicht in Einzelfällen, sondern serienmäßig. Daraus ergibt sich eine unangenehme Frage, die der Weltverband bislang lieber an die Politik weiterreicht: Was ist eine Weltmeisterschaft eigentlich noch wert, wenn der Gastgeber bestimmt, welche Welt er empfangen will? Die Vergabe an die USA war kein Zufall, sondern eine Entscheidung für Märkte, Stadien, Reichweiten. Mitgekauft hat man eine Visa-Politik, die mit dem Selbstverständnis eines globalen Turniers schwer zu vereinbaren ist. Die Konsequenzen tragen nicht die Funktionäre in Zürich, sondern die Fans aus Abidjan. Für die deutsche Mannschaft hat das in Toronto erst einmal keine sportliche Folge, das Spiel gegen die Elfenbeinküste findet ohnehin auf kanadischem Boden statt. Aber die Bilder aus Philadelphia werden andere sein, als sie es bei einer normalen WM wären. Halb leere Blöcke dort, wo eigentlich orangefarbene Trikots stehen müssten, gehören zu dieser WM nun dazu. Es ist ein Turnier, das man jeden Tag etwas weniger an seinen Spielen misst und etwas mehr an dem, was um sie herum passiert.