Der DFB braucht Reformen – nicht nur einen neuen Bundestrainer

Wer entscheidet eigentlich im deutschen Fußball? Und warum tut sich der DFB mit Veränderungen so schwer? Eine Einordnung in zwei Teilen von Gerd Thomas

Teilen
Der DFB braucht Reformen – nicht nur einen neuen Bundestrainer
Kolumnist, Hartplatzheld und Funktionär: Gerd Thomas fordert Veränderungen. Foto: privat

Die Debatte um den Bundestrainer zeigt einmal mehr: Das eigentliche Problem des Deutschen Fußball-Bundes sitzt nicht auf der Bank der Nationalelf. Es liegt in den Strukturen eines Verbandes, der altmodisch und intransparent wirkt, zudem wenig effizient erscheint.

Fußball-Deutschland möchte zurück an die Weltspitze. Der neue und wahrscheinlich noch besser bezahlte Bundestrainer Jürgen Klopp wird schon vor der Vertragsunterschrift als Heilsbringer gefeiert. Eine andere Erzählung lässt sein langjähriger guter Freund und uneingeschränkter DFB-Verhandlungsführer Aki Watzke gar nicht erst zu. Diskussionen über preisgünstigere Varianten werden im Keim erstickt, obwohl es Alternativen gäbe. Aber beim Deutschen Fußball-Bund gibt es ohnehin niemanden, der diese ernsthaft ins Spiel zu bringen wagt.

Philipp Lahm hat gerade deutlich Kritik geäußert, nicht zuletzt an der Ausbildung der Trainer. Aber er benennt auch deutlich die Fehleinschätzungen des DFB und seiner Verantwortlichen. Pierre Littbarski sagte im Sport1-Doppelpass: „Der neue Nationaltrainer muss Leute dazu holen, die auch mal wieder Ahnung haben, wie man den deutschen Fußball ändern kann. Wir wollen ja den Fernseher anmachen und wieder Spaß haben.“ Deutliche Worte von zwei Weltmeistern, welche nicht nur die Nationalelf, sondern auch die Nachwuchsarbeit kennen.

System "Pattex" in Verbandsämtern

Der DFB organisiert sich mit einer Vielzahl an Gremien. Die dazugehörigen Funktionsträger treffen sich bei Länderspielen oder dem DFB-Pokalfinale auf der Ehrentribüne, ansonsten in Runden, über deren Ergebnisse die Öffentlichkeit wenig erfährt. Im DFB-Präsidium sitzen 16 Personen.

Formal führt Bernd Neuendorf den Verband und hat die Hauptverantwortung. Doch den größten Einfluss schreiben alle Kenner der Szene BVB-Boss Hans-Joachim Watzke zu. Der sitzt als 1. Vizepräsident der DFL im Präsidium. Laut Bild nennen viele ihn ehrfurchtsvoll „Kanzler“, wobei das ja eigentlich sein sauerländischer Freund Friedrich Merz ist. Die Bezeichnung lässt tief blicken.

Ronny Zimmermann ist 1. Vizepräsident Amateure/Regional- und Landesverbände, ebenfalls weit oben in der Hierarchie stehen Generalsekretär Holger Blask und Schatzmeister Stephan Grunwald. Darüber hinaus prägen zahlreiche weitere Funktionäre die Entscheidungsstrukturen. Der einflussreiche Peter Frymuth, zehn Jahre lang Präsident bei Fortuna Düsseldorf, verantwortet als Vizepräsident den Spielbetrieb und die Fußballentwicklung sowie den Masterplan Amateurfußball.

Hermann Winkler, Präsident des Landesverbands Sachsen und langjähriger Politiker, ist zuständig für den Bereich Jugendfußball, über den halb Deutschland diskutiert. Andere Vizepräsidenten sind für Strategieprozesse, Werte, Stiftungen, Satzungs- und Ordnungsfragen sowie Rechtsangelegenheiten zuständig, drei weitere vertreten die DFL. Die drei Vizepräsidentinnen verantworten Frauen- und Mädchenfußball, Bildung und Gesundheit sowie Gleichstellung und Diversität. Viele führende Funktionäre, die männliche Form ist hier angebracht, sind seit mehr als zwanzig – vereinzelt mehr als dreißig Jahren - in Verbandsämtern. Kritiker sprechen vom System "Pattex".

Das sind die entscheidenden Fragen:

  • Wie gelangen diese Menschen in ihre Ämter?
  • Warum werden viele von ihnen über Jahre oder gar Jahrzehnte immer wieder gewählt?
  • Und weshalb spiegelt die Führung eines Verbandes mit Millionen Mitgliedern die gesellschaftliche Vielfalt so wenig wider?

Die hochgeschätzte Ethnologin Rachel Etse sagte gerade im ZDF: „Die Hälfte des Kaders der Nationalmannschaft hat eine Migrationsgeschichte. Aber in den Strukturen der Vereine und Verbände wird das nicht ansatzweise abgebildet. Wo die Entscheidungsmacht ist, sind diese Menschen nicht repräsentiert. Rassismus hat auch mit Macht und Hierarchie zu tun, insbesondere mit Machtsicherung zu tun.“

Starker Tobak?

Ein Blick auf die Besetzung der Gremien liefert Antworten. Die 21 Landesverbände entsenden jeweils eine Person in den DFB-Vorstand – meist den eigenen Präsidenten. Gewählt werden diese von Delegierten der Kreisverbände respektive von Vertretern der rund 24.000 Vereine. Die Amateure sind also aktiv in der Mitverantwortung, leider nehmen längst nicht alle ihr Wahlrecht wahr. Schon gar nicht dürfte in den Clubs über die Kandidaten diskutiert werden. Da den Vereinen meisten ältere weiße Männer vorstehen, ist die Zusammensetzung der Verbandsgremien nicht verwunderlich.

Auch Frauen bleiben deutlich unterrepräsentiert

Weiter sind im DFB-Vorstand inzwischen zwölf Vertreter der DFL – ausschließlich Männer. Sowie elf weitere Mitglieder aus unterschiedlichen Aufgabenbereichen, wovon lediglich zwei Frauen sind. Vertreterinnen traditionsreicher Frauenfußballvereine wie des SC Sand, des 1. FFC Turbine Potsdam oder der SGS Essen sucht man in den Führungsgremien vergeblich.

Dabei bestehen die Frauen-Bundesligen inzwischen fast ausschließlich aus Vereinen, die auch im Profifußball der Männer vertreten sind. Aber man sieht sich da eh dichter an der DFL als am DFB.

Selbst die Sprache wirkt an manchen Stellen aus der Zeit gefallen: Wenn Silke Sinning, Präsidentin des Hessischen Fußball-Verbandes, in offiziellen Dokumenten als „Vertreter“ bezeichnet wird, passt das ins Gesamtbild.

Kulturelle Vielfalt bleibt die Ausnahme. Mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Christos Georg Katzidis gehört lediglich ein Vorstandsmitglied dem DFB an, das eine familiäre Zuwanderungsgeschichte mitbringt. Er rückte im Fußball-Verband Mittelrhein für Bernd Neuendorf nach.

Wo bleiben die politischen Initiativen?

Die Personalie wirft zugleich eine grundsätzliche Frage auf: Wie lässt sich ein politisches Mandat im Landtag mit einem derart verantwortungsvollen Ehrenamt vereinbaren? Bereits Hermann Winkler führte seinen Verband sechs Jahre lang parallel zu seinem Mandat im Europäischen Parlament. Aber die Frage hat man sich schon beim Strippenzieher Gerhard Mayer-Vorfelder gestellt, der die Posten DFB-Präsident und des Finanzminister in Baden-Württemberg fröhlich zusammenbrachte.

Politische Initiativen zugunsten des Sports sind aus diesen Doppelfunktionen allerdings kaum in Erinnerung geblieben. Immerhin bringt Katzidis regelmäßig konkrete Vorschläge zur Stärkung des Ehrenamts ein, wofür ihm Respekt gebührt. Aber sonst? Welcher hohe Funktionär eines Landesverbands sieht sich in erster Linie als Vertreter des Breitensports und handelt danach?

Generell fällt auf, dass sich Sportverbände mit politischen Forderungen schwertun. Regelmäßig mahnen sie zwar bessere Sportstätten an, sprechen sich gegen Diskriminierung aus und betonen die Bedeutung des Ehrenamts. Eine breit angelegte politische Kampagne für den Amateursport bleibt jedoch aus – obwohl der DFB über acht Millionen und der DOSB sogar rund 30 Millionen Mitglieder repräsentieren.

Der deutsche Sport ist nicht kampagnenfähig

Kritiker sehen darin auch ein strukturelles Problem. Weil viele Spitzenfunktionäre zugleich Mitglied der einst großen Volksparteien seien, fehle häufig die notwendige Unabhängigkeit, um politischen Druck aufzubauen. Ein langjähriger Sportfunktionär formulierte es mir gegenüber so: Dem deutschen Sport fehle schlicht die Kampagnenfähigkeit. Ich bot ihm an, daran mitzuarbeiten und mich aktiv einzubringen. Seine Antwort steht bis heute aus.

Gemessen an seiner eigenen Diversitäts-Agenda ist der DFB also weit von seinem Anspruch entfernt. Celia Šašić bildet in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme: jung, weiblich, mit familiärer Zuwanderungsgeschichte - und nicht zuletzt sportlich hochqualifiziert. Solche Biografien müssten im deutschen Fußball selbstverständlich sein, nicht die Ausnahme.


In Teil 2 geht es morgen darum, Führung neu zu denken, moderne Strukturen zu schaffen sowie Transparenz und Mitbestimmung sicherzustellen.