Der HSV und die Farbe des Geldes

Vor 31 Jahren entzog der damalige Hauptsponsor des Hamburger SV dem Verein drei Spieltage vor Saisonende das Vertrauen. Wie sich später herausstellte, war es ein wohl kalkulierter Mediencoup - weiß Experte Stefan Appenowitz

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Der HSV und die Farbe des Geldes
Dieses Trikot mit dem HSV-Schriftzug wurde nur an den beiden letzten Spieltagen der Saison 1994/95 getragen, nachdem der Trikotsponsor dem HSV die Nutzung des Logos „TV Spielfilm“ untersagt hatte. Foto: Imago/WEREK

Sponsoren! Selten geliebt und doch für den Erfolg eines Fußballvereins unabdingbar. Denn wer das Geld bringt, redet mit. Manchmal bestimmt er sogar mit, ohne dass sich der Verein dagegen wehren kann. Wappenänderungen (Braunschweig und Dortmund) oder Einfluss auf die Trikotfarben (z. B. bei Frankfurt, Schalke, Bochum) kamen öfter vor, doch dass ein Sponsor einem Verein wegen „zu schlechter sportlicher Leistungen“ das Sponsoring entzog, gab es in der Geschichte der Bundesliga nur ein einziges Mal.

In die Saison 1994/95 geht der Hamburger SV mit zwei unterschiedlichen Trikotausstattungen. Auf dem offiziellen Mannschaftsfoto vor Saisonbeginn trägt die Mannschaft weiß-blaue Trikots mit den fetten schwarzen Balken des Adidas-Equipment-Logos auch an den Seiten. Die Auswärtsvariante ist blau-weiß. Getragen wurden beide Versionen allerdings in nur jeweils vier Bundesligapartien.

Abgelöst wurden sie durch jene Trikots, die auch die deutsche Nationalmannschaft im Sommer 1994 bei der WM in den USA getragen hatte. Beim HSV natürlich mit passenden Farbkombinationen auf den Schulterpartien.

Ähnlich schlecht wie die deutsche Nationalmannschaft in Amerika spielt auch der Hamburger SV. Im DFB-Pokal scheitert man bereits in der zweiten Runde am FC Schalke 04. Im Intertoto-Pokal verpasst man die Qualifikation für den UEFA-Pokal. Auch in der Meisterschaft läuft es nicht rund. Ab dem 24. Spieltag stehen die Rothosen tabellarisch im zweistelligen Bereich und werden am Ende Dreizehnter. Grund genug für den Hauptsponsor, den Hamburger Verlag „Milchstraße“, dem Klub drei Spieltage vor Saisonende das Tragen der Marke TV Spielfilm auf der Brust zu untersagen!

Weil das so überraschend kommt, läuft die Mannschaft beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern zunächst mit blanker Brust auf.

In den beiden letzten Bundesligaspielen lässt man die freie Fläche dann - wie schon in den 1970er-Jahren im Europapokal praktiziert - mit dem berühmten „HSV“ bedrucken.

Dass die ganze Aktion ein inszenierter und wohl kalkulierter Mediencoup war, gab der Geschäftsführer des Sponsors, Martin Fischer, in einem Gespräch mit dem damaligen HSV-Präsidenten Ronald Wulff, das dieser dem Magazin „11 Freunde“ im Frühjahr 2011 gab, bereitwillig zu: „Klar, Ronny, wir sind Medienprofis, wir wissen, wie der Hase läuft.“

Zur Saison 1995/96 wechselte der HSV zum neuen Hauptsponsor „Hyundai“. Die komplette Saisonvorbereitung wurde jedoch noch mit TV Spielfilm auf der Brust absolviert. Und dass man sich auf beiden Seiten auch nicht wirklich böse war, bewies die Tatsache, dass „Milchstraße“ zur Saison 2001/02 für zwei Jahre als Hauptsponsor zurückkehrte und mit 10 Mio. DM sogar viermal so viel zahlte wie beim ersten Sponsoring im Jahr 1994.


Diese Trikotgeschichte erschien erstmals im Herbst 2022 im Zeitspiel-Magazin #27 anlässlich der Veröffentlichung und Promotion des Buches “Mit der Raute auf der Brust” von Christian Michalkiewicz. Mehr Trikotgeschichten gibt es auch im Newsletter und Podcast.