Der Fall Christian Eichner zeigt: Im Profifußball zählt Loyalität nichts mehr

Sechs Jahre Treue, 220 Pflichtspiele – und am Ende reicht Platz neun nicht. Karlsruhe opfert Kontinuität für ein neues Gefühl.

Der Fall Christian Eichner zeigt: Im Profifußball zählt Loyalität nichts mehr
IMAGO/Jan Huebner

Sechs Jahre! So lange hielt Christian Eichner beim Karlsruher SC durch – länger als jeder andere Trainer der 2. Liga. Er kam als Spieler, blieb als Co-Trainer, übernahm 2020 das Chefamt, führte den Klub durch Krisen, hielt ihn zusammen, wenn andere längst gegangen wären. 220 Pflichtspiele, 83 Siege, ein Vertrag bis 2027. Jetzt geht er trotzdem. Nicht weil der Vertrag ausläuft, nicht weil er selbst will. Sondern weil Platz neun mit 37 Punkten nach 28 Spieltagen nicht reicht für einen Verein, der mehr erwartet, als er einlösen kann.

Der Fall Eichner ist kein Einzelfall, er ist ein Symptom. Im modernen Profifußball hat Kontinuität keinen Eigenwert mehr. Was zählt, ist der nächste Impuls, die nächste Erzählung, das nächste Versprechen auf Veränderung – egal, wie dünn die Substanz dahinter sein mag. Sportgeschäftsführer Mario Eggimann formulierte es so: „Dass sich nach so einer langen Zeit, die im Profifußball heute beinahe außergewöhnlich ist, gewisse Dinge im Ablauf verändern, ist völlig normal." Ein bemerkenswert weicher Satz für einen bemerkenswert harten Vorgang. Denn was sich hier verändert, sind nicht „gewisse Dinge im Ablauf". Was sich verändert, ist der Trainer – obwohl er noch zwei Jahre Vertrag hat.

Man muss fairerweise anerkennen: Vergangene Saison stand der KSC nach der Hinrunde auf Platz zwei, der Aufstieg schien greifbar. Dann verkaufte der Verein Toptorjäger Budu Zivzivadze in der Winterpause an Heidenheim – und lief am Ende auf Rang acht ein. Die Enttäuschung kam nicht allein vom Trainer. Und auch in dieser Saison zeigt die Chronologie, dass der Riss tiefer liegt: Im Dezember wurde Co-Trainer Zlatan Bajramovic nach neun Jahren gegen Eichners Willen entlassen. Nach einer 1:5-Niederlage in Nürnberg stand Eichners eigener Rauswurf eineinhalb Tage im Raum. Was Eggimann nun als natürliche Entwicklung verkauft, war in Wahrheit ein Prozess der Entfremdung, den der Verein selbst befeuert hat.

Eichner spürt das. „Dieser Verein und ebenso diese Mannschaft sind für mich etwas ganz Besonderes", sagte er zum Abschied. „Wir haben schwierige Phasen immer wieder gemeinsam mit viel Einsatz, Leidenschaft und Zusammenhalt bewältigt." Im kicker bestätigte er, die Entscheidung habe „die Mannschaft und mich schwer getroffen". Das klingt nicht nach einem Mann, der loslassen wollte. Das klingt nach einem Mann, dem das Loslassen aufgezwungen wurde.

Und der Nachfolger? Gehandelt wird Tobias Strobl vom Drittligisten SC Verl, 38 Jahre alt, Ausstiegsklausel für die 2. Liga. Ein Trainer ohne Zweitliga-Erfahrung soll also den Mann ersetzen, der diese Liga kennt wie kaum ein Zweiter. Das kann funktionieren. Aber es entlarvt auch die Logik dahinter: Nicht Kompetenz wird ausgetauscht, sondern Atmosphäre. Nicht Ergebnisse sollen sich ändern – die waren mit acht Punkten Vorsprung auf die Abstiegsplätze nie existenzbedrohend. Was sich ändern soll, ist das Gefühl.