Der DFB muss das Spiel für die Basis zurückholen

Beim Deal mit dem neuen Bundestrainer geht es offenbar nur noch um die Höhe des Salärs. "Doch wer kümmert sich um die Amateure?", fragt sich Gerd Thomas

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Der DFB muss das Spiel für die Basis zurückholen
Foto: Imago / Cord

Die Debatte über den neuen Bundestrainer ist mehr als eine Personalie. Sie steht exemplarisch für ein grundsätzliches Problem des Deutschen Fußball-Bundes. Immer mehr Entscheidungen werden aus der Perspektive des Profifußballs getroffen – obwohl der DFB seine Legitimation aus mehr als 24.000 Amateurvereinen bezieht.

Millionen für den Trainer, Millionen für Berater, Millionen für den Betreuerstab: Kaum jemand stellt die Frage, was diese Prioritäten für die Basis bedeuten. Dabei wird dort Woche für Woche der Fußball organisiert, auf dem das gesamte System aufbaut.

Dass ausgerechnet Hans-Joachim Watzke die Verhandlungen mit Jürgen Klopp führen soll, ist mehr als eine Personalentscheidung. Watzke ist seit Jahren der der einflussreichste Vertreter des Profifußballs. Sein ehemaliger BVB-Trainer Jürgen Klopp soll bei seinem aktuellen Arbeitgeber rund zehn Millionen Euro verdienen. Den müsste er verlassen, sein Werbepartner darf er aber wohl bleiben, womöglich mit RB-Mütze auf der deutschen Bank. Zwar fabuliert Watzke von einem möglichen „Patriotismus-Abschlag“, doch allein die Diskussion zeigt, in welchen Dimensionen inzwischen gedacht wird. Zudem wird darüber spekuliert, wie sich Klopps Werbeverträge mit den Sponsoren des DFB vereinbaren lassen.

Wer spricht in diesen Tagen eigentlich über die Vereine, die Woche für Woche ihre Plätze pflegen, Ehrenamtliche suchen und Spieltage organisieren?

Der Profifußball bestimmt längst den Kurs

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hält sich in der Bundestrainerfrage auffallend zurück. Das irritiert viele an der Basis. Diese erwartet von ihm nicht nur einen verantwortungsvollen Umgang mit den Finanzen des Verbandes, sondern auch eine klare Haltung gegenüber FIFA-Präsident Gianni Infantino. Doch wie groß kann sein Handlungsspielraum überhaupt sein, wenn die Vertreter des Profifußballs innerhalb des DFB längst den Ton angeben? Die Vertreter der Bundesligen repräsentieren nur 0,1 Prozent aller aktiven Fußballerinnen und Fußballer, verfügen aber über erheblichen Einfluss auf die wichtigsten Entscheidungen.

Die Interessen der Amateurvereine geraten dabei zunehmend in den Hintergrund. Zwar verweist der DFB darauf, dass nach der Neuordnung des TV-Grundlagenvertrages mehr Geld bei den Landesverbänden ankommt. Doch was dort tatsächlich mit den zusätzlichen Mitteln geschieht, bleibt oft unklar. Als Mitglied des Beirats im Berliner Fußball-Verband erlebe ich das selbst.

Häufig werden zusätzliche hauptamtliche Stellen geschaffen. Das ist nachvollziehbar, denn auch die Verbände leiden unter Personalmangel. Gleichzeitig zeigt es aber das eigentliche Problem: Nicht nur den Vereinen fehlen Ehrenamtliche – dem gesamten Fußballsystem gehen die Menschen aus, die es tragen.

Die Basis zahlt den Preis

Während über Millionenverträge diskutiert wird, verschlechtern sich die Bedingungen im Breitensport kontinuierlich.

Sportanlagen verfallen, besonders in den Ballungsräumen. Die viel zitierte Sportmilliarde löst die Probleme vieler Kommunen bislang nicht.

Die Arbeitswelt wird flexibler, ehrenamtliches Engagement dadurch schwieriger. Vereinsvorstände überaltern. Trainerinnen und Trainer fehlen. Schiedsrichter ebenso.

Hinzu kommen berechtigte Anforderungen wie Trainerlizenzen oder Kinderschutzkonzepte. Sie erhöhen die Qualität der Vereinsarbeit, bedeuten aber auch zusätzlichen organisatorischen Aufwand – oft für dieselben wenigen Ehrenamtlichen.

Gleichzeitig steigen Mieten, Energie- und Lebenshaltungskosten für die Engagierten. Dennoch sollen Vereine ihre Angebote weiterhin zu Beiträgen anbieten, die häufig weniger als einen Euro pro Trainingsstunde entsprechen.

Das sind die Probleme, die den Amateurfußball wirklich beschäftigen. Aus der DFB-Spitze hört man dazu wenig.

Der Profifußballs dominiert den DFB

Auch der internationale Fußball zeigt, wohin die Entwicklung führt. Die von Gianni Infantino vorangetriebene Klub-WM ist ein weiteres Beispiel dafür, dass wirtschaftliche Interessen Vorrang erhalten. Es profitieren vor allem die finanzstärksten Vereine Europas: Bayern und der Dortmund in Deutschland, die Milliardärsclubs Chelsea, City, PSG, Real und Co. im Ausland. Selbst die Qualifikationsregeln wirken beliebig. Denn eigentlich war Leverkusen Meister, spielen durfte aber der BVB. Die beiden deutschen Teilnehmer durften jeweils fast 50 Millionen einstreichen.

Die Bedürfnisse der Amateurvereine geraten fast zwangsläufig ins Hintertreffen, z. B. bei der Nachwuchsförderung. Immer wieder wird die Qualität der Ausbildung in Deutschland kritisiert. Dabei entsteht oft der Eindruck, die Verantwortung liege vor allem bei den Amateurvereinen. Kaum hinterfragt werden dagegen die Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs und deren Philosophie, die sich wahllos bedienen. Der bekannte Satz gilt auch hier: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.

Wer vertritt eigentlich noch die Basis?

Die Bundestrainer-Debatte wirft grundsätzliche Fragen auf.

Warum wurde kein unabhängiges Expertengremium eingesetzt, sondern ein Vertreter des Profifußballs mit den Verhandlungen beauftragt?

Warum äußern sich die für Amateur-, Jugend-, Breiten- oder Frauenfußball zuständigen Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten kaum öffentlich?

Und warum gibt es so wenig Widerspruch gegen eine Entwicklung, in der ein Funktionär eines Profiklubs nahezu allein die Richtung in einer der wichtigsten Personalentscheidungen des deutschen Fußballs vorgibt?

Julian Nagelsmann soll zuletzt mit sieben Millionen Euro deutlich mehr als Frankreichs Weltmeistertrainer Didier Deschamps verdient haben. Philipp Lahm und forderte einst eine Begrenzung des Bundestrainer-Gehalts und wies darauf hin, dass die Aufgabe als Ehre empfunden werden sollte. „Mehr als 2 Millionen Euro im Jahr, je nach Erfolg auch etwas mehr, muss nicht sein.“ DFB-Vizepräsidentin Celia Šašić empfahl eine inhaltliche Neuausrichtung im Verhältnis zum Frauen-Team. Die Debatte darüber findet heute einfach nicht statt.

Für den Amateurfußball hat jeder zusätzliche Millionenbetrag Bedeutung. Die Hartplatzhelden, deren Initiative ich angehöre, haben bereits zahlreiche Vorschläge gemacht, wie zusätzliche Mittel, z. B. des neuen Ausrüsters, unmittelbar den Vereinen zugutekommen könnten – von der Ehrenamtsförderung bis zur Infrastruktur. Stattdessen droht die Situation, dass die Basis warten muss – mal wieder.

Der DFB braucht einen Kompass und eine Urwahl

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen, auf die der Fußball Antworten finden muss. Die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert sich, insbesondere in den Städten. Vielfalt, Integration und Teilhabe werden auch für die Vereine immer wichtiger.

Auf die Frage der Hartplatzhelden, ob sich der DFB stärker mit diesem Thema befassen müsse, lautete die Antwort sinngemäß: Die Vereine interessiere das nicht, ihre Prioritäten seien Spielbetrieb, Infrastruktur und Ehrenamt.

Mich überzeugt diese Antwort nicht. Gerade ein Verband wie der DFB sollte gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur verwalten, sondern gestalten.

Vielleicht lohnt deshalb auch ein Blick auf eine alte Idee. Gerade fiel mir ein Hartplatzhelden-Artikel von 2019 in die Hände. Darin hieß es: „Gerd Thomas vom FC Internationale Berlin fordert eine Urwahl für das DFB-Präsidium!“ Nicht mein schlechtester Vorschlag der letzten Jahre, denn dadurch würde das Gremium vielfältiger. Die Kandidatinnen und Kandidaten müssten sich für ihre Wiederwahl viel mehr anstrengen als zurzeit.

Vor allem aber würde die Idee eine zentrale Frage wieder in den Mittelpunkt rücken:

Wem ist der Deutsche Fußball-Bund eigentlich verpflichtet?

Solange sich die Antwort vor allem an den Interessen des Profifußballs orientieren, wird die Entfremdung zwischen Verband und Basis weiterhin wachsen.

Die Zukunft des deutschen Fußballs entscheidet sich nicht in den Logen der Bundesliga und auch nicht bei den Gehaltsverhandlungen mit dem nächsten Bundestrainer. Sie entscheidet sich auf den tausenden Sportplätzen, auf denen Ehrenamtliche Woche für Woche dafür sorgen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene überhaupt Fußball spielen können.

Genau dorthin muss der DFB seinen Blick wieder richten.

Er muss das Spiel für die Basis zurückholen!