Dalic-Abschied: Kroatien verliert mehr als nur einen Trainer

Nach neun Jahren, einem WM-Finale und einem dritten Platz endet eine sportliche Anomalie. Was jetzt kommt, muss ohne die Sicherheiten der Ära auskommen.

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Dalic-Abschied: Kroatien verliert mehr als nur einen Trainer
IMAGO/HANZA MEDIA

Neun Jahre sind im Trainergeschäft eine halbe Ewigkeit, in einer Nationalmannschaft grenzt es an ein Wunder. Zlatko Dalic hat diese Zeitspanne bei Kroatien fast vollgemacht, ehe er nun, sechs Tage nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Portugal, seinen Rücktritt bekanntgegeben hat. Der 59-Jährige geht aus eigenen Stücken, und er geht mit einer Bilanz, die im internationalen Vergleich Bestand hat: 111 Spiele an der Seitenlinie, ein WM-Finale, ein dritter Platz, ein knapp verpasster Titel. Wer das nüchtern nebeneinanderlegt, sieht einen Trainer, der aus einem kleinen Fußballland über einen langen Zeitraum konstant große Ergebnisse geformt hat.

Angefangen hatte alles im Oktober 2017, als Dalic ein Team übernahm, das um seinen Kapitän Luka Modric herum gebaut war und dessen Qualifikation für die WM 2018 auf der Kippe stand. Wenige Monate später stand Kroatien im Finale von Moskau. Man muss sich diesen Sprung immer wieder vor Augen führen, weil er in der Erinnerung so selbstverständlich wirkt, als hätte diese Generation ohnehin dort hingehört. Sie gehörte nicht automatisch dorthin. Sie wurde dorthin geführt, und der Mann, der sie führte, war ein damals international kaum bekannter Trainer, der in kürzester Zeit ein Turnier-Team formte.

Vier Jahre später der dritte Platz bei der WM in Katar, 2023 dann das verlorene Nations-League-Finale, das man nur deshalb als Niederlage bezeichnen kann, weil in einer solchen Ära die Messlatte irgendwann bei Titeln liegt. Alles darunter fühlt sich klein an, obwohl es das nicht ist. Dass Kroatien mit rund vier Millionen Einwohnern über beinahe ein Jahrzehnt im Halbfinal-Bereich des Weltfußballs mitspielte, ist eine sportliche Anomalie. Sie hat viel mit den Spielern zu tun, mit Modric vor allem, aber sie hat eben auch mit dem Trainer zu tun, der diesen Kader über drei Turniere zusammenhielt.

Das 1:2 gegen Portugal war jetzt der Punkt, an dem Dalic entschieden hat, dass es genug ist. Der kroatische Verband hat den Abschied auf X in eine Formel gefasst, die ungewöhnlich persönlich klingt: „Eine bescheidene Ankunft. Eine unvergessliche Reise. Ein stolzer Abschied."

Und weiter: „Zlatko Dalic hat beschlossen, sein unglaublich erfolgreiches Kapitel mit Kroatien zu beenden." Man merkt diesen Zeilen an, dass hier nicht auseinandergegangen wird, weil Ergebnisse dazu zwangen, sondern weil eine Generation an ihr natürliches Ende kommt.

Genau darin liegt die eigentliche Zäsur. Der Rücktritt betrifft nicht nur den Trainer, sondern eine Ära, deren tragende Figuren biologisch nicht mehr ewig weitermachen können. Modric ist der offensichtliche Name, aber der Kern dieses Teams war über Jahre bemerkenswert stabil. Wer ihn erbt, erbt einen Umbruch, und er erbt ihn nach einem Aus, das die Grenze der bisherigen Konstruktion deutlich gemacht hat. Kroatien wird sich neu erfinden müssen, und es wird das ohne den Trainer tun, der die letzten neun Jahre maßgeblich geprägt hat.

Der Verband dankt in seinem Post für „die Erfolge, den Zusammenhalt und deinen unerschütterlichen Einsatz, für Kroatien zu kämpfen", und für den Respekt, den Dalic sich bei Spielern, Staff und Gegnern erworben habe. Das ist, gemessen an dem, was in solchen Momenten sonst geschrieben wird, ein ehrlicher Satz. Er beschreibt ziemlich genau, was Dalic in Kroatien war: ein Trainer, der lange blieb, weil er das Team lange trug. Jetzt geht er, und das nächste Kapitel wird ohne die Sicherheiten des letzten auskommen müssen.