Como zeigt her, was 11.000 Plätze nicht fassen
Vereinspräsident Suwarso überlässt seinen Sitz den Ältesten im Klub. Die Geste zeigt eine Klubführung, die ihre Wurzeln nicht vergisst.
Ein Präsident, der aufsteht, damit ein anderer sitzen darf: Vor dem Champions-League-Debüt von Como 1907 gegen RB Leipzig am Donnerstag gibt Mirwan Suwarso seinen Sitzplatz frei. Nicht für einen Sponsor, nicht für einen Ehrengast, sondern für Anhänger, die 1950 oder früher geboren wurden. „Wir möchten, dass diese Plätze an die Fans vergeben werden, die am längsten gewartet haben“, schrieb der Präsident in den sozialen Medien. Weitere Funktionäre machen es ihm nach.
Die Bilder von den weißhaarigen Como-Fans auf den Rängen der Präsidentenloge werden schön sein, und sie werden geteilt werden. Doch was da geteilt wird, ist nicht nur Rührung. Es ist ein seltenes Bekenntnis, sichtbar gemacht in einer einzigen Sitzreihe: Die neuen Machthaber vergessen jene nicht, die den Klub durch jede Liga begleitet haben.
Denn wer 1950 geboren wurde, hat Como nicht erst entdeckt, als Cesc Fabregas an der Seitenlinie stand und Nico Paz die Bälle verteilte. Der hat den Verein gesehen, als von der Champions League niemand sprach. Genau diese Fans holt Suwarso jetzt nach vorn, in die Loge, aus der sonst die Funktionäre schauen. Treue bekommt den besten Platz im Haus.
Man kann das kleinreden. Ein paar Sitze in der Loge, mehr ist es nicht; der akute Platzmangel eines ausverkauften Stadions löst sich damit nicht, und die Geste bleibt vor allem eine für die Timeline. Der Verzicht eines Präsidenten auf seinen Stuhl schafft keine zusätzliche Kapazität, er verschiebt sie nur um wenige Sitze.
Aber genau deshalb ist die Aktion so aufschlussreich. Sie ist die eine Reihe, die Suwarso vergeben kann – und er vergibt sie nicht an die, die am meisten zahlen. Das Stadio Giuseppe Sinigaglia fasst 11.000 Plätze. Für einen Verein, der mit prominenten Namen, jungen Toptalenten und indonesischen Investoren in kürzester Zeit zur Spitzenmannschaft der Serie A geformt wurde, ist das ein Stadion aus einer anderen Zeit.
Der Hype um Tickets ist infolge des sportlichen Erfolges zum akuten Problem des Vereins geworden – so nüchtern steht es da. Der Klub weiß es und will umbauen. Nur beginnt der Bau erst 2027. Bis dahin spielt Como Champions League in einer Arena, die für den Ehrgeiz der Eigentümer längst zu klein ist.
In dieser Enge fällt die Entscheidung leichter, die falschen Prioritäten zu setzen. Jeder Sitz, der an einen betuchten Neukunden geht, bringt Geld; jeder Sitz, der an einen Rentner geht, bringt ein Foto. Como wählt das Foto. Die Investoren haben die Mannschaft in Rekordtempo nach vorn gebracht – und lassen sich beim ersten großen Abend nicht die Herkunft des Vereins abkaufen.
Und so trifft die Aktion einen anderen Punkt, als es zunächst scheint. Die Fans von 1950 haben auf diesen Donnerstag ein Fußballerleben lang gewartet. Dass die neue Klubführung ausgerechnet sie in die erste Reihe holt, ist schöner als jedes Ergebnis gegen Leipzig – weil Como damit beweist, dass der schnelle Aufstieg seine Wurzeln nicht vergessen hat.