Brasiliens Vertrauensvorschuss als Signal: Trainer Ancelotti bleibt bis 2030
Die CBF verlängert vor dem WM-Anpfiff – ein Signal gegen Trainerdebatten und ein Eingeständnis, dass die alte Spitzenstellung erst zurückerobert werden muss.
Eine Vertragsverlängerung weniger als einen Monat vor dem WM-Anpfiff – das ist die Art von Personalentscheidung, die ein Verband normalerweise nicht trifft. Brasiliens CBF tut es trotzdem. Carlo Ancelotti bleibt bis einschließlich der WM 2030 Trainer der Selecao. Verbandspräsident Samir Xaud hatte schon in der vergangenen Woche durchblicken lassen, dass die Unterschrift vor dem Turnier in den USA, Mexiko und Kanada eine ausgemachte Sache sei. Jetzt ist sie es.
Man kann das auf zwei Arten lesen. Erstens: als Vertrauensbeweis. Ancelotti, 66 Jahre alt, hat die Mannschaft vor einem Jahr nach dem Ende seiner Zeit bei Real Madrid übernommen und sie durch eine Qualifikation gebracht, die mit der Aufstockung auf das XXL-Format ihren eigenen Charakter hatte. Dass die CBF ihn nun bindet, bevor in einem einzigen Turnier alles bewertet wird, ist ein bewusstes Signal an die Mannschaft, an die Öffentlichkeit, vielleicht auch an Ancelotti selbst. Zweitens: als Aussage über den Zustand des Rekordweltmeisters. Wer den Trainer vor dem Turnier verlängert, will keine Debatte über den Trainer während des Turniers.
Das ist insofern bemerkenswert, als Brasilien seit 2002 auf einen Titel wartet. Damals, in Yokohama, gewann die Selecao 2:0 gegen Deutschland, und seither sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, in denen das Land seine eigene Spitzenstellung eher behauptet als belegt hat. Fünf WM-Titel, der bislang letzte vor 24 Jahren – das ist eine Distanz, die in Brasilien nicht als historische Fußnote durchgeht, sondern als offene Rechnung. Ancelotti ist der Mann, der diese Rechnung begleichen soll. Und er ist, was in der Konstellation auffällt, der erste ausländische Cheftrainer, der die Selecao in einem solchen Auftrag durch ein WM-Turnier führt.
In der Verbandsmitteilung sagt Ancelotti, er habe „von Anfang an begriffen, was Fußball für dieses Land bedeutet, und deswegen haben wir im vergangenen Jahr daran gearbeitet, die brasilianische Nationalmannschaft in der Welt wieder ganz nach oben an die Spitze zu führen". Das ist die diplomatische Variante des Eingeständnisses, dass diese Spitze gerade nicht selbstverständlich ist. Xaud formuliert es ähnlich: Die Verlängerung sei „Bestandteil unserer Anstrengungen, Brasilien auf dem höchsten Niveau des Weltfußballs zu halten". Auch hier das Wort „halten", nicht „zurückerobern", aber gemeint ist beides.
Sportlich liest sich die Aufgabe in dieser Phase überschaubar. In der Vorrundengruppe C trifft Brasilien auf Marokko, Schottland und Haiti, eine Konstellation, in der Niederlagen Erklärungsbedarf erzeugen würden, den auch ein frisch verlängerter Vertrag nicht abfedert. Am 18. Mai nominiert Ancelotti in Rio de Janeiro seinen endgültigen WM-Kader, und das ist der Moment, in dem die Verlängerung ihren ersten praktischen Test bekommt. Wie wird die Stimmung sein, wenn er Neymar aussortiert? Wer für 2030 plant, denkt bei der Kaderzusammenstellung anders als jemand, der nur das nächste Turnier vor Augen hat.
Bleibt die Frage nach der Identität, die in solchen Personalien immer mitschwingt. Brasilien hat sich für einen italienischen Trainer entschieden, der in Madrid, München und anderswo gearbeitet hat, und es hat sich für ihn vor dem Turnier entschieden, nicht danach. Das ist eine pragmatische Lösung. Ob sie auch eine brasilianische Lösung ist, wird sich an den Ergebnissen ablesen lassen, nicht an den Verträgen.