Angst vor ICE-Agenten: WM-Streik droht - die FIFA muss endlich Farbe bekennen

Stadionbeschäftigte fürchten Einsätze der Einwanderungsbehörde und fordern Garantien zum Datenschutz. Vier Wochen vor dem Eröffnungsspiel drängt die Zeit.

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Angst vor ICE-Agenten: WM-Streik droht - die FIFA muss endlich Farbe bekennen
IMAGO/Newscom World

Knapp einen Monat vor dem Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft, die vom 11. Juni bis zum 19. Juli stattfindet, wird in Los Angeles ein Konflikt sichtbar, der mit Sport im engeren Sinn wenig zu tun hat und mit der WM doch alles. Beschäftigte des SoFi Stadium, jener Arena im Vorort Inglewood, in der unter anderem das Eröffnungsspiel des US-Teams gegen Paraguay am 13. Juni und insgesamt acht WM-Partien ausgetragen werden sollen, haben am Montag bei einer Kundgebung vor dem Stadion mit Streik gedroht. Der Auslöser ist nicht Lohn, nicht Arbeitszeit, nicht die Frage nach besseren Schichten. Es geht um die Anwesenheit der US-Einwanderungsbehörde ICE während des Turniers.

Die Gewerkschaft Unite Here Local 11, die über 30.000 Beschäftigte in Hotels, Flughäfen und Sportarenen vertritt, darunter rund 2000 in der WM-Arena von Los Angeles, fordert bundesweite Garantien, dass ICE bei keinem der acht Spiele am kalifornischen Spielort eingesetzt wird. Sollten doch Agenten an den Partien beteiligt sein, will man die Arbeit niederlegen. Das ist eine ungewöhnlich konkrete Drohung, und sie kommt nicht aus dem Nichts. Medienberichten zufolge hat die Gewerkschaft in dieser Frage bereits eine formelle Beschwerde gegen den Weltverband FIFA und weitere Organisationen beim National Labor Relations Board eingereicht, einer unabhängigen US-Bundesbehörde.

Die Beschäftigten beschreiben ein „Klima der Angst", so einer der Vorwürfe der Gewerkschaft. Stadionkoch Isaac Martinez sagte bei der Kundgebung: „ICE sollte bei diesen Spielen keine Rolle spielen. Wir wollen nicht in Angst zur Arbeit kommen oder Angst haben, auf dem Heimweg festgenommen zu werden. Wenn wir keine Einigung erzielen, sind meine Kollegen und ich bereit zu streiken." Hinter solchen Sätzen steht eine schlichte Lebenswirklichkeit: Wer eine Arena bekocht, reinigt, bewacht, gehört in Kalifornien häufig zu jenen Gruppen, die im Visier dieser Behörde stehen.

Hinzu kommt die Frage, was die FIFA mit den Daten ihrer Akkreditierten anfängt. Das Akkreditierungsverfahren verlangt von den Beschäftigten, vor dem Turnier persönliche Daten einzureichen. „Wir fordern die FIFA auf, unsere Informationen nicht an ICE-Behörden, ausländische Staaten oder Geheimdienste weiterzugeben", sagte die Stadionangestellte Yolanda Fierro. Damit liegt die Verantwortung nicht mehr nur bei der US-Regierung, sondern auch beim Weltverband selbst, der entscheiden muss, wie er mit den Daten der Menschen umgeht, die seine Spiele überhaupt erst ermöglichen.

Die Sorge ist nicht abstrakt. ICE-Direktor Todd Lyons hatte im Februar erklärt, dass seine Behörde während des Turniers eine Schlüsselrolle für die Sicherheit spielen werde. Seitdem wachsen in der Öffentlichkeit die Bedenken, dass ICE auch rund um die WM-Spiele aktiv werden könnte. Zu Beginn des Jahres wurden bei Einsätzen von ICE-Agenten in Minneapolis zwei Menschen erschossen. Wer das im Hinterkopf hat, versteht, warum 2000 Beschäftigte einer Arena nicht bereit sind, sich auf vage Zusicherungen zu verlassen.

Für die FIFA ist das eine Lage, die sich nicht aussitzen lässt. Sie kann nicht steuern, was eine US-Behörde im öffentlichen Raum tut. Sie kann aber sehr wohl steuern, wie sie mit den Daten ihrer Akkreditierten umgeht, und sie kann mit den US-Behörden klären, was im Stadionumfeld zugesichert wird und was nicht. Dass die Beschäftigten über das National Labor Relations Board den formellen Weg gewählt haben, erhöht den Druck. Vier Wochen vor dem Eröffnungsspiel ist Zeit für eine Antwort knapp.