Afrikas Fußball: Mithalten ist nicht Gewinnen
Neun Teams in der K.o.-Runde, nur zwei noch dabei: Rohr sieht Fortschritt – und benennt, was den Mannschaften in engen Spielen fehlt.
Neun von zehn afrikanischen Mannschaften haben die Gruppenphase überstanden, so viele wie noch nie zuvor bei einer Weltmeisterschaft. Im Sechzehntelfinale traten neun Teams an – und nur zwei stehen jetzt noch im Turnier. Marokko spielt weiter um den Titel, Ägypten trifft im Achtelfinale auf Argentinien. Was von außen wie eine Enttäuschung wirkt, hält Gernot Rohr für den Beleg eines Fortschritts, der noch nicht abgeschlossen ist. „Es tut sich was", sagte der Nationaltrainer Benins im Gespräch mit dem SID, der Fußball in Afrika sei „auf einem guten Weg".
Und doch bleibt die Diskrepanz zwischen Gruppenphase und K.o.-Runde erklärungsbedürftig. Südafrika, die Elfenbeinküste, DR Kongo, Algerien, Kap Verde, Ghana – sie alle sind in der ersten Runde ausgeschieden, überwiegend knapp. Das bitterste Beispiel liefert Senegal. Die Mannschaft von Pape Thiaw führte gegen Belgien bis kurz vor Schluss mit 2:0, ehe sie in der Verlängerung 2:3 verlor. „Senegal hatte es in der Hand und ist nur ganz knapp gescheitert", sagte Rohr. Für ihn sei das kein Zufall, sondern Symptom.
Der 73-Jährige benennt das Problem präzise. „Das ist leider noch ein Manko", sagt er über die fehlende internationale Erfahrung vieler afrikanischer Auswahlen. „Man muss in der Lage sein, ein Ergebnis zu halten. Da muss man cleverer werden."
Es ist der Satz, der die Bilanz zusammenfasst: Neun Teams, die es in die K.o.-Runde geschafft haben, sind ein Fortschritt. Sieben, die dort in engen Spielen den letzten Schritt nicht gehen konnten, sind ein Hinweis darauf, was fehlt. Cleverness lässt sich nicht in einem Turnier lernen, sie entsteht in Jahren.
Rohr, in Mannheim geboren, in Frankreich lebend, hat als Trainer eine Perspektive, die über einzelne Turniere hinausreicht. 2018 stand er mit Nigeria bei der WM in Russland, seit 2023 arbeitet er in Benin. Wenn er über Strukturen spricht, spricht er aus dem Alltag. Die Meisterschaften seien in einigen Ländern verbesserungswürdig organisiert, die Jugendausbildung ebenso. Und dann ist da das nüchterne Detail, das die Bedingungen greifbar macht: Seine Mannschaft hat seit drei Jahren kein Spiel mehr im eigenen Land bestritten, weil das Stadion umgebaut wird. In anderen Ländern des Kontinents sei die Situation ähnlich.
Das ist der Punkt, an dem der Fußball an die Politik übergeben wird. „In Afrika ist es sehr wichtig, dass die Politik hilft", sagt Rohr. Ohne funktionierende Ligen keine Wettkampfhärte, ohne Wettkampfhärte keine Cleverness in der 87. Minute gegen Belgien. Der afrikanische Fußball hat in dieser WM gezeigt, wie viele Mannschaften mittlerweile mithalten können. Er hat aber auch gezeigt, dass Mithalten nicht Gewinnen ist. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Arbeit der nächsten Jahre.
Bleiben Marokko und Ägypten. Marokko trifft am Donnerstag um 22 Uhr auf Frankreich, ein Wiedersehen nach dem Halbfinale 2022, das die Equipe Tricolore mit 2:0 gewann. Rohr wird das Spiel genau verfolgen. „Es war vor vier Jahren schon schwierig für Frankreich", sagt er, „und jetzt wird es noch schwieriger." Es ist die einzige Prognose, die er sich erlaubt. Der Rest ist Geduld.