172 Tore nach fünf Spieltagen: Was der Rekord verschweigt
Sieben in Mainz, sechs in Leipzig – und zwei Mannschaften, die 25 Gegentore kassierten. Die Bundesliga feiert eine Bestmarke, die auch von kaputten Abwehrreihen lebt.
Sieben Treffer in Mainz, sechs in Leipzig, fünf in Sinsheim: Die Bundesliga präsentiert sich am Wochenende so, wie sie sich derzeit am liebsten präsentiert – als Jahrmarkt der Tore. 172 Treffer nach fünf Spieltagen, verteilt auf 45 Partien. Zwei mehr als die bisherige Bestmarke von 170 Treffern aus der Saison 1984/85. Ein Rekord, den die Liga nun stolz vor sich herträgt.
Doch dieser Rekord hat eine Schlagseite, die in der Jubelmeldung untergeht: Die meisten Tore fielen dort, wo eine Mannschaft nicht mehr verteidigt. Mit jeweils 25 Treffern führen die Spiele mit Beteiligung des Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach und von Eintracht Frankfurt die Statistik an. Das ist kein Beleg für geballte Offensivkunst, das ist die Buchführung über zwei Abwehrreihen im freien Fall.
Frankfurt kassierte am Wochenende eine 0:6-Klatsche bei RB Leipzig. Sechs Gegentore, kein eigenes – das ist keine Partie, in der zwei Mannschaften um Tore ringen. Das ist eine Einbahnstraße, in der die eine Seite liefert und die andere nur noch zuschaut. Solche Ergebnisse treiben den Schnitt nach oben, ohne dass die Liga als Ganzes besser oder mutiger nach vorne spielt. Sie erzählen von Zusammenbruch, nicht von Spektakel.
Dass ein Durchschnitt von 3,8 Toren pro Spiel über 45 Partien nicht an zwei Mannschaften hängen kann, stimmt ja auf dem Papier. Am vergangenen Wochenende fielen in neun Partien 35 Treffer – nahe am Saisonschnitt, also auch ohne die Ausreißer ein ordentlicher Wert. Ganz ohne Torlaune in der Breite käme die Liga nicht auf diese Zahl, das ist wahr.
Aber der Schnitt von 3,8 ist eben ein Schnitt, und Schnitte verschweigen die Verteilung. Zwei Mannschaften, die zusammen in jeweils 25 Toren verwickelt sind, ziehen den Mittelwert für die ganze Liga nach oben – und lassen sie torhungriger aussehen, als sie flächendeckend ist. Wer nur die Gesamtzahl liest, hält für Angriffslust, was in Wahrheit auch Abwehrschwäche ist. Der Rekord misst beides und unterscheidet nicht.
Deshalb taugt die Bestmarke nur bedingt als Gütesiegel. Ein Treffer, der fällt, weil ein Verteidiger den Ball verliert und niemand nachsetzt, zählt in der Statistik genauso wie ein herausgespieltes Kombinationstor. Die Zahl 172 kennt den Unterschied nicht. Wir, die wir die Spiele sehen, sollten ihn kennen.
Die 1984/85 aufgestellten 170 Tore stammen aus einer Zeit, in der über Abwehrarbeit anders geredet wurde als heute. Dass die Marke nach über vier Jahrzehnten fällt, wäre ein echtes Argument für eine offensivere Liga – wenn die Tore gleichmäßiger fielen. Tun sie aber nicht. Sie ballen sich dort, wo Gladbach Letzter ist und Frankfurt in Leipzig sechs Stück kassiert.
Ein Rekord, der zur Hälfte von zerfallenden Abwehrreihen lebt, ist kein reiner Rekord der Offensivlust: Er ist auch das Protokoll zweier Mannschaften, die das Verteidigen verlernt haben.