Carraghers Rezept für Wirtz schiebt das Problem nur weg

Nach 55 bis 60 Spielen ohne dominante Partie liegt Jamie Carragher richtig. Nur sein Rettungsanker trägt die Last gar nicht erst in Liverpool aus.

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Football - FA Premier League - Liverpool FC v Manchester City FC LIVERPOOL, ENGLAND - Sunday, October 11, 2026: Liverpool s Florian Wirtz applauds the supporters after the FA Premier League
Foto: IMAGO/Propaganda Photo

66 Minuten lang stand Florian Wirtz beim 0:3 gegen Manchester City auf dem Platz, dann holte ihn Trainer Andoni Iraola runter. Es war Liverpools erste Niederlage dieser Premier-League-Saison, und für Jamie Carragher war es der Moment, an dem Geduld in Abrechnung umschlug.

„Dieser Transfer funktioniert nicht und hat bislang auch nicht funktioniert“, sagte die Liverpool-Legende bei Sky. Wirtz müsse aus der Mannschaft genommen werden, jede Woche auf der Zehn – das müsse aufhören. Es ist ein hartes Urteil über einen Spieler, der geholt wurde, um ein Star der Premier League zu sein. Und es ist schwer von der Hand zu weisen.

Denn Carragher legt eine Zahl auf den Tisch, an der sich schlecht vorbeireden lässt. „Hat er bisher ein einziges Spiel dominiert? Er ist jetzt seit etwa 55 bis 60 Spielen hier und ich sehe immer noch keine Veränderung“, sagte der 48-Jährige. 55 bis 60 Partien sind keine Eingewöhnung mehr, das ist fast eine ganze Saison plus Aufschlag. Wer so lange spielt und seinem Trainer keine einzige Partie liefert, in der er den Unterschied macht, hat die Schonfrist aufgebraucht.

Ein Spieler mit Wirtz' Veranlagung braucht in einer fremden Liga Zeit, mehr als ein Dutzend Pflichtspiele, und seine zuletzt starken Auftritte in der Nationalmannschaft zeigen ja, dass das Talent im Kern unberührt ist. Nur verteilen sich die 55 bis 60 Spiele eben nicht auf Monate, sondern auf mehr als ein Jahr. Irgendwann kippt Geduld in Selbsttäuschung.

Carragher hatte in Wirtz einen Spieler vom Typ Kevin De Bruyne gesehen – den Mann, der für Manchester City in den Titelkämpfen mit Liverpool den Unterschied ausmachte. Die Messlatte hat er selbst gelegt, und an ihr zerschellt die Hoffnung. Wer mit De Bruyne verglichen wird und nach fast sechzig Spielen kein einziges prägt, verfehlt nicht knapp, sondern deutlich.

Umso merkwürdiger ist, wohin Carragher die Rettung verlegt. „Die einzige Hoffnung ist jetzt, dass Jürgen Klopp den Arm um ihn legt“, sagte er. Unter dem Bundestrainer habe Wirtz zuletzt „besonders gut“ gespielt. Das stimmt sogar – nur löst es Liverpools Problem nicht, es verschiebt es.

Klopp trainiert nicht Liverpool, er trainiert Deutschland. Was Wirtz in der Nationalmannschaft zeigt, hilft dem LFC an keinem Spieltag. Carragher diagnostiziert haarscharf einen Mangel im roten Trikot und reicht als Therapie einen Mann, der ihn im weißen Trikot bestenfalls lindert. Das ist, als behandle man das Fieber beim Nachbarn.

Der Fehlschluss steckt im Wörtchen „ausgerechnet“. Wenn Wirtz unter Klopp aufblüht und bei Liverpool verkümmert, dann liegt das Problem nicht im Spieler allein, sondern in der Rolle, die ihm Iraola auf der Zehn zuweist. Genau diese Frage müsste in Liverpool verhandelt werden – von Iraola, nicht von einem Bundestrainer, der mit dem Verein nichts zu schaffen hat.

Carraghers Bank-Forderung ist berechtigt, seine Begründung über die 55 bis 60 Spiele sitzt. Aber die Lösung bei Klopp zu suchen, heißt die Verantwortung dorthin zu reichen, wo sie niemand übernehmen kann. Der teure Transfer trägt bei Liverpool bislang nicht – und kein Anruf nach Deutschland ändert daran eine einzige Minute.