Zwergen-Aufstand in Amerika: Rudi und Berti hatten also doch recht!
Kap Verde, Australien, Katar und kein Ende – Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über die vielen Überraschungen bei dieser WM
Was geht da vor? Diese WM ist ein einziger Zwergenaufstand. Kap Verde, Kanada, Katar, Australien, Ägypten, Saudi-Arabien – lauter Nationen jenseits der Top 20, und doch haben sie alle im ersten Spiel gegen ein Topteam gepunktet. Bahnt sich im Vorgarten des Fußballs eine Revolution an?
Das Beste daran ist ja: Berti Vogts und Rudi Völler haben das alles schon lange gewusst! Jahrelang haben uns Bundes-Berti und Es-gibt-nur-ein-Rudi-Völler eingehämmert, dass es im Fußball "keine Kleinen" mehr gebe – erst jetzt wird mir die Tragweite ihrer Warnungen bewusst: Nicht nur Isländer und Bulgaren, nein, ALLE können kicken!
Sogar die Kapverder. Mit ihrem 40jährigen Torwart haben sie am Montagabend für einen noch tieferen Tiefpunkt auf der iberischen Halbinsel gesorgt – 0:0. Bei der Mittagskonferenz des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE sollen die Redakteure sich bereits gefragt haben, ob Netzer und Delling Spanisch können.
Der Mann, der den Europameister ins Unglück stürzte, heißt übrigens Vozinha, also eigentlich Josimar José Evora Dias. Sein Ziel bei dieser WM war nicht das 16telfinale, sondern: eifrig Instagram-Follower sammeln. Das hat geklappt, weil der brasilianische Sender Caze TV in der Halbzeitpause alle Zuschauer aufforderte, dem Keeper zu folgen. Das ausgegebene Ziel, 100.000 Follower, war nach einer Minute erreicht – in etwa die Zeit also, die Jonathan Tah für die Durchquerung des Mittelfelds braucht.

Überraschend und bewundernswert auch die Leistung der Katarer. Sie rangen den hoch favorisierten Schweizern ein 1:1 ab. Und Australien würgte den handelsüblichen türkischen Autokorso vor meiner Tür ab. Die Ägypter zeigten Belgiens Kevin de Brunye, wo's langgeht, und die Saudis verpassten Uruguay ein Kopfwashing.
Das ist genau das, was ich bei so einer WM brauche, um in den richtigen Modus zu kommen.
Aber: Wo soll das nur enden? Stoppt heute womöglich die Demokratische Republik Kongo den großen Ronaldo? Das wäre eine Sensation ungeheuren Ausmaßes. CR7 ist ja sogar in den USA bekannt – wobei die meisten Amerikaner nicht wissen, dass er für Portugal spielt. Sie denken, Ronaldo sei ein Land.
Spielen wir, wenn das so weitergeht, am Ende im Halbfinale gegen Kanada und im Endspiel gegen die Australier, weil deren St. Paulianer Leo Messi ausgeschaltet haben? Bei diesem Turnier mag ich nichts mehr ausschließen.
Denn: Es gibt wirklich keine Kleinen mehr. Danke für den Hinweis, Berti und Rudi.
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