Zwei Tote! FIFA versprach Menschenrechte: Sonntag zeigt sich, was das wert war
Ein Weltverband, der einen Friedenspreis vergab, während Migranten bei Kontrollen sterben, wird an seiner eigenen Symbolik gemessen. Zu Recht.
Human Rights Watch verlangt vor dem WM-Finale am Sonntag zwischen Spanien und Argentinien eine Schweigeminute für zwei Menschen, die in diesem Monat von US-Einwanderungsbeamten erschossen wurden: ein Kolumbianer am Montag in Maine, ein Mexikaner vergangene Woche in Houston. Beide kamen bei Kontrollen ums Leben, im Rahmen von Donald Trumps hartem Vorgehen gegen Einwanderer. Ob die FIFA diese Minute abhält oder nicht, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Frage überhaupt gestellt werden muss.
Denn diese WM war einmal als Gegenentwurf gedacht. Zum ersten Mal flossen Menschenrechtskriterien in das Bewerbungsverfahren ein, ausdrücklich als Reaktion auf die Kritik an den Turnieren in Russland und Katar. Der Weltverband hatte also selbst versprochen, dass die Menschenrechte diesmal gewahrt würden. Ein Versprechen ist eine Selbstverpflichtung, kein Marketingtext, und genau an dieser Stelle setzt Minky Worden, Direktorin für globale Initiativen bei Human Rights Watch, den Hebel an. Eine Schweigeminute, sagt sie, wäre "absolut angemessen" – und für die FIFA "eine Gelegenheit, ihre Versprechen einzulösen".
Man kann diese Forderung für symbolisch halten, und das ist sie auch. Aber Symbole sind die Währung, in der die FIFA ohnehin bezahlt. Ein Weltverband, der zu jedem Anlass Botschaften auf Trikots und Kapitänsbinden inszeniert, kann sich schlecht darauf zurückziehen, Fußball sei unpolitisch. Wer die Symbolik beherrscht, wird an ihr gemessen. Und wenn die Tötungen und Abschiebungen durch die Einwanderungsbehörde zeitgleich mit dem eigenen Turnier stattfinden, dann steht der Verband nicht neben dem Geschehen, sondern mitten darin.
Worden formuliert das mit einer Klarheit, die schwer zu widerlegen ist: "Wenn wir an diese WM denken, wird die Welt an die Tötungen durch ICE und die Abschiebungen durch ICE denken, die zeitgleich mit der Weltmeisterschaft stattfanden." Das ist die eigentliche Bilanz dieses Sommers. Nicht Tore, nicht Titel, sondern die Frage, ob ein Turnier, das mit Menschenrechten warb, seinen eigenen Maßstab verfehlt hat. Nach Wordens Urteil hat es diese Erwartungen nie erfüllt.
Besonders schwer wiegt der zweite Vorwurf. Im Dezember verlieh die FIFA Trump einen Friedenspreis. Worden nennt diese Auszeichnung ein Mittel, um "die Menschenrechtsverletzungen der Trump-Regierung zu verschleiern, die sich vor allem gegen Migranten und deren Familien richteten". Damit hätte der Verband nicht bloß weggeschaut, sondern die Gegenseite geehrt. Ein Preis ist eine aktive Handlung, keine Unterlassung. Und wer einen Friedenspreis vergibt, während im selben Land Menschen bei Einwanderungskontrollen sterben, muss sich fragen lassen, was dieser Preis eigentlich bedeuten soll.
So verdichtet sich vor dem Finale ein Widerspruch, den die FIFA selbst aufgebaut hat. Sie hat die Menschenrechte zum Bewerbungskriterium erhoben und einen Preis vergeben, der genau diese Rechte konterkariert. Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben in New York öffentlich darauf hingewiesen. Die Schweigeminute wäre kein Ausweg aus diesem Widerspruch, nur sein sichtbarster Prüfstein. Am Sonntag spielen Spanien und Argentinien um den Titel – und ein Verband um die Frage, ob seine Versprechen je mehr waren als ein Bewerbungssatz.
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