Zu gut, um vergessen zu werden: "Die besten deutschen Sport-Reportagen aller Zeiten"

Heute schreibt Alex Steudel in eigener Sache: Der Fever Pit'ch-Autor hat ein Buch mit den faszinierendsten Texten aus 100 Jahren Zeitungs- und Zeitschriftengeschichte herausgegeben

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Alex Steudel mit Thomas Doll in der Redaktionskonferenz 2009. Foto: privat
Alex Steudel mit Thomas Doll in der Redaktionskonferenz 2009. Foto: privat

Als ich ein Kind war, legte mir meine Mutter frühmorgens, ehe sie zur Arbeit ging, den Sportteil der Zeitung auf den Treppenabsatz vor unserer Mietwohnung. Und wenn ich aufgestanden war, spielte sich immer das gleiche Ritual ab: Wohnungstür auf, Zeitung rein, an den Esstisch schlurfen, die vorbereiteten Nutella-Brote essen und Kaba trinken, Sportteil der Stuttgarter Nachrichten lesen.

Ich las jahrelang vor der Schule alles, was der Sportteil zu bieten hatte – ob Fußball, Handball, Tennis, Rad- oder Motorsport. Ich fühlte mich schon wie ein Sportreporter, als ich noch gar keiner war. So fing es an.

Erst um die Jahrhundertwende, ich war nun tatsächlich Sportredakteur (der Abendzeitung in München), entstand die Idee, um die es hier geht: die besten deutschsprachigen Geschichten in einer Anthologie zu bündeln. Ich hatte nämlich das famose Werk "The Best American Sports Writing of the Century" gelesen.

Und wieder 20 Jahre später fing ich wirklich an. Die erste Frage lautete: Wie soll ich bloß die besten Geschichten finden?

Antwort: lesen, lesen, lesen. Ich habe noch nie so viel gelesen; Archive und Erinnerungen an meine Lieblingsgeschichten habe ich durchforstet, Reporterpreise gecheckt, mit Ex-Kollegen gesprochen, die mir Tipps gaben.

"Ohne den Jürgen Leinemann brauchst du das Buch gar nicht erst anzufangen", sagte zum Beispiel Klaus Höltzenbein, langjähriger Redakteur und dann Sportchef der Süddeutschen Zeitung – er meinte den 2013 verstorbenen, legendären Spiegel-Autor.  

Holger Gertz, brillanter Seite-3-Schreiber der Süddeutschen, schickte eine ganze Liste. Ronald Reng, Autor phantastischer Biografien (u.a. Robert Enke und Miro Klose), verfluchte mich, weil er nach meiner Anfrage eine halbe Nacht in seinem Archiv gestöbert hatte und nicht aufhören konnte. Tim Jürgens, stellvertretender Chef der 11Freunde, übermittelte per Whatsapp PDFs.

Dirk Kurbjuweit, heute Chefredakteur beim Spiegel, nannte mir mehrere Namen – seine Journalisten-Helden und -Vorbilder von früher. Zum Beispiel Peter Sartorius. Sie alle kamen zurecht ins Buch.

Und heute ist es wirklich fertig, fast 400 Seiten dick. Natürlich ohne den Anspruch, wirklich die besten Geschichten zu präsentieren, wie sollte man das garantieren? Aber nah dran. Manchmal war ich nicht ganz objektiv, wie könnte man das auch sein.

Die meisten Texte sind jedenfalls Schätze, Kunstwerke. Die besten grandios recherchiert und fabelhaft geschrieben. Zu gut, um vergessen zu werden.

Marielouise Jurreit verfasste 1971 im Magazin "twen" eine fantastische Reportage über das Trainingslager von Muhammad Ali vor dem Kampf gegen Frazier. 40.000 Anschläge! Birgit Schönau begab sich knapp vier Jahrzehnte später auf die Spuren von Luca Toni – die Beschreibung ist ein einziger Lesegenuss. Ich könnte ewig weiterschreiben.

Es ging mir bei der Auswahl aber nicht darum, die großen Athleten alle drinzuhaben. Nein, in diesem Buch spielen gewissermaßen Autorinnen und Autoren die Hauptrolle.

Natürlich werden trotzdem viele Stars porträtiert, das liegt ja in der Natur der Sache: Maradona, Messi, Matthäus, Kahn, Ali. Kati Witt. Rehhagel. Uli Hoeneß. Andere Stücke handeln von Dramen am Rande, etwa dem Tod von Bahne Rabe, Schlagmann des deutschen Olympiagold-Achters 1988. Dirk Kurbjuweit hat diese Geschichte 2001 so genau recherchiert und brillant erzählt, dass ich das Stück an den Anfang des Buchs setzen musste. Als Duftmarke sozusagen.

Viele der 38 Stücke haben Preise gewonnen, und ich hoffe – nein, ich bin mir sicher –, dass alle, die das Buch in die Hände bekommen, denselben Spaß bei der Lektüre haben werden, den ich sogar beim fünften Durchlesen noch hatte. Und wer weiß, vielleicht ist das Buch ja dann obendrein ein gutes Geschenk.

Legen Sie es doch Ihrem Lieblingsnachbarn auf die Treppe.


Hier gibt's "Die besten Sport-Reportagen aller Zeiten"

Die Sport-Anthologie ist knapp 400 Seiten dick, mit 38 Reportagen preisgekrönter Autorinnen und Autoren – von Alexander Osang und Anne Kemper bis Egon Erwin Kisch, von Doris Henkel und Hans Blickensdörfer bis Ronald Reng, von Herbert Riehl-Heyse und Gerhard Waldherr bis Pit Gottschalk. Das Werk ist als gebundene Ausgabe für 29,99 Euro überall im Buchhandel erhältlich. Taschenbuch (21,99 Euro) und Kindle-Version (12,99 Euro) gibt es bei Amazon: Hier bestellen. Wer für 21,99 Euro portokostenfrei ein signiertes Exemplar haben möchte: Mail an post@alexsteudel.de schreiben.