WM-Finale mit Pop-Show: Wenn der Fußball seine Starkicker zu Statisten macht
Eine halbe Stunde Pause für Madonna und Co. senkt Muskeltemperatur und Konzentration. Entscheidet sich das Endspiel bald am Bühnenprogramm?
Am Sonntagabend werden in New Jersey Madonna, Shakira und Justin Bieber auf dem Platz stehen, während Spanier und Argentinier in den Katakomben warten. Die erste Halbzeitshow der WM-Geschichte, dem Super Bowl nachempfunden, verwandelt die 15-minütige Pause in eine Veranstaltung von 25 bis 30 Minuten. Das ist kein Detail am Rande, sondern ein Eingriff in die Substanz dessen, was da eigentlich gespielt wird. Und wer glaubt, es gehe hier nur um ein bisschen Show zwischen zwei Hälften, hat nicht verstanden, was ein WM-Finale ausmacht.
Sportmediziner Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln, nennt die Sache "nicht unproblematisch" – eine höfliche Formulierung für einen handfesten Vorbehalt. Die 15 Minuten Halbzeit hätten sich "nicht zufällig etabliert", sagt er dem SID, sie seien ein "guter Kompromiss zwischen einer kurzen Erholung und dem Erhalt der körperlichen Leistungsbereitschaft". Eine Verlängerung auf 25 oder gar 30 Minuten "verändert die physiologischen Voraussetzungen deutlich". Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu begreifen, was der Verband hier für ein paar Popstars aufs Spiel setzt.
Denn die Konsequenzen sind konkret. Muskeltemperatur, Herzfrequenz, neuromuskuläre Aktivierung sinken, wenn die Pause zu lang wird. Predel verweist auf Studien: Schon ein Rückgang der Muskeltemperatur um ein bis zwei Grad Celsius kann "die maximale Kraftentwicklung, Sprintgeschwindigkeit und Schnellkraft negativ beeinflussen". Und weil Fußball, seine Worte, "von kurzen explosiven Aktionen lebt", schlägt das gerade unmittelbar nach Wiederbeginn durch. Ein WM-Finale entscheidet sich in solchen Momenten – im ersten Sprint nach der Pause, in der ersten Ballannahme unter Druck.
Man kann einwenden, die Spieler regenerierten in der längeren Pause "etwas besser". Das räumt Predel selbst ein. Aber der Gewinn ist gering, das Risiko wächst. In der Theorie steige das Verletzungsrisiko, weshalb ein gesondertes Aufwärmprogramm "unerlässlich" sei. Idealerweise, so der Mediziner, folge in den letzten drei bis fünf Minuten vor Wiederbeginn ein "strukturiertes Reaktivierungsprogramm mit Laufübungen, Mobilisation sowie kurzen Steigerungs- und Sprintbewegungen". Das machen viele Spitzenmannschaften ohnehin – nur wird die Frage sein, ob sich das während einer Bühnenshow von Madonna überhaupt organisieren lässt.
Hier liegt der eigentliche Punkt. Der Fußball übernimmt ein Format, das für eine andere Sportart erfunden wurde, ohne zu fragen, was es mit den Protagonisten macht. Beim Super Bowl gibt es keine 90 Minuten am Stück, keine Sprintduelle, in denen zwei Grad Muskeltemperatur über Sieg und Niederlage entscheiden. Der Fußball hat diese Empfindlichkeit, und er ignoriert sie zugunsten der Vermarktung. Die Athleten um Lamine Yamal und Lionel Messi werden zu Statisten in einer Pause, die nicht mehr ihnen gehört.
Predel erinnert zuletzt an die mentale Komponente, die "gerade in einem WM-Finale, in dem kleinste Fehler spielentscheidend sein können, nicht zu unterschätzen" sei. Genau darum geht es: Ein Endspiel ist das Konzentrierteste, was dieser Sport kennt. Wer diesen Moment durch eine halbe Stunde Popkonzert unterbricht, behandelt das Spiel als Beiwerk seiner eigenen Inszenierung. Der Fußball darf sich vermarkten – aber nicht dort, wo es die sportliche Wahrheit des Finales beschädigt. New Jersey wird zeigen, ob das jemand beim Verband je bedacht hat.
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