WM-Finale in East Rutherford: Wem liefert der Fußball seinen größten Moment aus?
Erst der Anruf, der eine Sperre fallen lässt, dann die Pokalübergabe für den Präsidenten. Der Weltverband verschiebt die Grenze zwischen Sport und Macht.
Ein Pokal wechselt am Sonntag den Besitzer, und ein zweiter wechselt die Hand, die ihn hält. Im MetLife Stadium in East Rutherford treffen Weltmeister Argentinien und Europameister Spanien aufeinander, das größte Fußballspiel dieser fünf Wochen. Doch die FIFA hat die Regie des Schlussbildes bereits vergeben: Nicht Gianni Infantino wird den WM-Pokal überreichen, sondern Donald Trump. Der US-Präsident, so bestätigte es Karoline Leavitt im Weißen Haus, reist am Freitag nach New York, besucht einen FIFA-Empfang im Trump Tower und krönt am Sonntag das Turnier. Das ist keine Randnotiz des Protokolls, sondern eine Entscheidung darüber, wem der Fußball seinen größten Moment ausliefert.
Man kann einwenden, dass Staatsoberhäupter bei sportlichen Höhepunkten präsent sind, das gehört zur Grammatik solcher Ereignisse. Aber es macht einen Unterschied, ob ein Präsident als Gast erscheint oder ob der Weltverband ihm die zentrale zeremonielle Rolle überträgt. Die Pokalübergabe ist der symbolische Kern des Finales, der Augenblick, den Milliarden sehen. Wenn die FIFA diesen Augenblick an einen amtierenden Politiker vergibt und ihn tags zuvor im Trump Tower empfängt, verschiebt sie die Grenze zwischen Sport und Macht. Sie tut das nicht versehentlich, sondern durch eine Ankündigung, die schon Ende Juni feststand.
Brisant wird die Sache erst durch das, was diesem Sonntag vorausging. Trump hat sich nicht darauf beschränkt, ein wohlwollender Zaungast zu sein. Er hat im Fall des US-Stürmers Folarin Balogun in eine sportliche Entscheidung eingegriffen: Nach einer Roten Karte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina durfte Balogun im Achtelfinale gegen Belgien spielen. Zuvor hatte Trump Infantino angerufen und eine Überprüfung der Sperre angeregt. Ein Präsident telefoniert mit dem Präsidenten des Weltverbandes, und eine Sperre fällt: Das ist die Reihenfolge, die in Erinnerung bleibt.
Für sich genommen ließe sich jede dieser beiden Nachrichten noch relativieren. Ein Anruf hier, ein Ehrenauftritt dort. Zusammengenommen ergeben sie ein Muster, das der FIFA nicht gleichgültig sein dürfte. Ein Verband, der seine sportliche Integrität schützen will, hält politischen Einfluss auf dem Spielfeld fern und reicht ihm nicht auch noch den Pokal. Stattdessen erlebt dieses Turnier beides in kurzem Abstand: die Intervention in ein laufendes Spiel und die Inszenierung im finalen Bild. Wer zuerst über sportliche Entscheidungen mitreden darf, dem fällt die Bühne danach umso leichter zu.
Leavitt nennt es die "meistgesehene, sicherste und erfolgreichste Weltmeisterschaft in der amerikanischen Geschichte". Das mag stimmen, doch der Maßstab für einen Weltverband ist ein anderer als Reichweite. Die FIFA verwaltet nicht nur ein Produkt, sie verwaltet Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit lebt davon, dass sportliche Fragen nach sportlichen Regeln entschieden werden und dass die Symbole des Spiels denen gehören, die es gespielt haben. Am Sonntag steht in East Rutherford das Ergebnis von fünf Wochen auf dem Rasen. Wer den Pokal überreicht, entscheidet mit darüber, was von diesem Turnier übrig bleibt.
Die eigentliche Frage richtet sich deshalb nicht an Trump, der eine Einladung annimmt, sondern an die FIFA, die sie ausspricht. Ein Weltverband, der sich so weit vereinnahmen lässt, gibt ein Stück seiner Unabhängigkeit preis. Argentinien oder Spanien werden den Titel verdient haben. Die FIFA sollte sich fragen, ob sie ihre Rolle in diesem Finale ebenso verdient verteidigt hat.
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