Wer gegen Infantino stimmt, gehört auf die Couch?
Ein Weißes-Haus-Mann erklärt jede abweichende Stimme zum Krankheitsbild. Das ist keine Wahlkampfrhetorik mehr, sondern eine Ansage an den Fußball.
„Dann sollte jeder, der gegen ihn gestimmt hat, sich untersuchen lassen“: So beschreibt Andrew Giuliani, was einem FIFA-Delegierten blüht, der Gianni Infantino im März 2027 nicht die Stimme gibt. Giuliani leitete die Taskforce des Weißen Hauses für die Sommer-WM. Er sagt es dem Portal The Athletic, und er meint es nicht als Scherz.
Eine Wiederwahl, die nicht einstimmig ausfällt, wird hier zum psychiatrischen Befund erklärt. Wer widerspricht, ist nicht anderer Meinung, sondern nicht ganz bei Trost. Das ist der Ton, in dem an der Spitze des Weltfußballs inzwischen über Abstimmungen geredet wird: Zustimmung ist Vernunft, Widerspruch ist ein Fall für den Arzt.
Giuliani liefert die Drohung gleich mit. Für jeden Verbandschef, der Infantino die Unterstützung versagen wolle, „wäre das wahrscheinlich eine der dümmsten Entscheidungen seines Berufslebens“. Man muss sich das übersetzen: Eine demokratische Wahl in einem Weltverband wird zur Karrierefrage umgedeutet. Nicht das Programm entscheidet, sondern die Angst, auf der falschen Seite zu stehen.
Dass dieser Ton nicht aus dem Nichts kommt, zeigt der Vorlauf. In der Vorwoche stärkte US-Präsident Donald Trump dem Schweizer den Rücken und warnte vor einem „schrecklichen Fehler“. Ein Präsident, ein Taskforce-Chef, dieselbe Botschaft: Die Wahl ist längst gelaufen, alles andere wäre Wahnsinn. Die FIFA-Wahl wird flankiert wie ein Staatsakt, in dem Abweichung nicht vorgesehen ist.
Infantino habe mit der WM in Nordamerika „das größte globale Sportereignis aller Zeiten ohne Zwischenfälle auf die Beine gestellt“, sagt Giuliani, und er verweist auf Rekordeinnahmen von rund 13 Millionen Euro. Er hebe die FIFA „auf ein ganz neues Niveau“. Ein Turnier ohne Katastrophe, volle Kassen, ein Amtsinhaber auf der Höhe seiner Macht – das ist der Stoff, aus dem ungeschlagene Kandidaten gemacht werden.
Nur trägt derselbe Amtsinhaber gerade einen Plan mit sich herum, den er selbst verwerfen musste. Infantino wollte Anteile an FIFA-Turnieren an private Investoren verkaufen, unter anderem an den Bruder von Trumps Schwiegersohn. Der Investorenplan ist inzwischen vom Tisch, aber er hat die Kontinentalverbände aus Europa, Asien sowie Nord- und Mittelamerika dazu gebracht, den Ton zu verschärfen. Genau die Verbände, deren Zweifel Giuliani jetzt zur Diagnose erklärt.
Giuliani betont, er habe vor der Berichterstattung nichts über diesen Plan gewusst. Das mag stimmen. Es ändert nichts daran, dass ein Vertreter des Weißen Hauses den Verbandschefs empfiehlt, sich untersuchen zu lassen – während der Kandidat, den sie wählen sollen, gerade dabei ertappt wurde, das Tafelsilber des Weltfußballs an einen Trump-nahen Kreis verkaufen zu wollen.
„Manche Menschen sind neidisch, wenn jemand sehr viel erreicht“, sagt Giuliani über die Zweifler. Der Satz verrät die Denkart: Wer Fragen stellt, hat kein Argument, sondern ein Motiv. Neid statt Kritik, Krankheit statt Meinung, Dummheit statt Wahlfreiheit – so wird eine Abstimmung entwaffnet, bevor sie stattfindet.
Ein möglicher Gegenkandidat hat sich bis heute nicht aus der Deckung gewagt, und man versteht warum. Wer antritt, muss nicht nur gegen einen Amtsinhaber mit Rekordbilanz bestehen, sondern gegen die Warnung, dass jede Gegenstimme dumm, neidisch oder therapiebedürftig sei.
Eine Wahl, bei der nur ein Ergebnis als geistig gesund gilt, ist keine Wahl mehr.
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