Wenn Infantinos Hausgericht über Infantino urteilt

Der FIFA-Chef stellt sich am 18. März in Rabat zur Wahl, während die Ethikkommission über ihren eigenen obersten Dienstherrn befinden soll.

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Foto: IMAGO/Newspix

Ein Sprecher tut es, nicht der Mann selbst. Am Sonntag ließ Gianni Infantino durch einen FIFA-Sprecher verkünden, dass er am 18. März in Rabat wie geplant zur Präsidentenwahl antreten wird. Der 56-Jährige sagt es nicht ins Mikrofon, er lässt es sagen – während sich der Druck von allen Seiten auftürmt.

Denn genau in dieser Woche hat die Organisation FairSquare eine erneute Beschwerde gegen ihn bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht. Und darin liegt das Problem, das den ganzen Machtkampf trägt: Die Kontrollinstanz des Weltverbands soll den obersten Mann des Weltverbands bewerten. Infantinos eigenes Hausgericht soll über Infantino urteilen.

FairSquare wirft ihm einen mehrfachen Verstoß gegen den FIFA-Ethikkodex vor. Vor allem seine Nähe zu US-Präsident Donald Trump stelle „einen schwerwiegenden Verstoß gegen seine Pflicht zur politischen Neutralität sowie einen eklatanten Missbrauch der präsidialen Befugnisse dar“, zitiert die Sportschau aus dem Schreiben. Die Kommission müsse „nicht nur handeln, sondern auch erkennbar mit der gebotenen Eile, Transparenz und Sorgfalt vorgehen“.

Man kann einwenden, dass Papier geduldig ist. Schon im Dezember 2025 hatte FairSquare eine Beschwerde eingereicht, ohne Erfolg, und auch beim Internationalen Olympischen Komitee lief dasselbe Vorgehen ins Leere. Zwei Anläufe, zwei Mal kein belegtes Ergebnis. Wer so bilanziert, hält die dritte Eingabe für eine Schlagzeile mit kurzer Haltbarkeit.

Nur bringt gerade dieser Leerlauf die These auf den Punkt. Wenn eine Kontrollinstanz zweimal nichts bewegt, während der Beschuldigte an ihrer Spitze steht, dann ist nicht die Beschwerde schwach – dann fehlt der Kommission die Unabhängigkeit vom Mann, den sie prüfen soll. Ein Selbstprüfungsverfahren produziert eben keine Sanktion, es produziert Zeitgewinn.

Und der Vorwurf ist ja kein Nebengeräusch. Hintergrund des Streits ist Infantinos Rolle beim inzwischen verworfenen Plan, Anteile an FIFA-Turnieren an private Investoren zu verkaufen – auch aus dem Umfeld Trumps. Die Europäische Fußball-Union fordert deshalb seinen Rückzug und bereitet in der Schweiz eine Strafanzeige gegen ihn vor. Wenn eine Kontinentalunion zur Staatsanwaltschaft geht, weil sie dem verbandseigenen Weg nicht mehr traut, sagt das mehr über die Ethikkommission als jedes Aktenzeichen.

Die UEFA will Infantino vor der Wahl zur Aufgabe bewegen. Gelingt das nicht, wird sie mit großer Sicherheit einen Gegenkandidaten aufstellen. Vieles deutet auf Victor Montagliani hin, den Kanadier an der Spitze des Verbandes CONCACAF für Nord-, Mittelamerika und die Karibik. Die Nominierungsfrist endet am 18. November – die politische Front gegen Infantino läuft also längst, während sein juristischer Fall im eigenen Haus geparkt bleibt.

Infantino wird das aussitzen wollen, und er hat gute Gründe, es für machbar zu halten: Zweimal ist die Beschwerde verpufft, ein dritter Anlauf muss ihn nicht schrecken. Genau deshalb setzt die UEFA auf Rabat und nicht auf die Ethikkommission. Sie hat begriffen, dass ein Verband, dessen Aufsicht am eigenen Präsidenten hängt, sich nicht selbst absetzt.

Am 18. März tritt Infantino also an, und dieselbe Kommission, die über seine Verfehlungen befinden müsste, wird bis dahin geschwiegen haben. Ein Weltverband, der seinen Chef von seinem eigenen Gericht freihalten lässt, hat kein Ethikproblem mehr – er hat das Gericht abgeschafft.