Warum „Scheiß DFB“ eine Scheiß-Parole ist

In Sportverbänden gibt es jede Menge Möglichkeiten für demokratisches Mitwirken, doch die Vereine und deren Mitglieder machen zu wenig daraus - meint Gerd Thomas.

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Warum „Scheiß DFB“ eine Scheiß-Parole ist
Pyro als Druckmittel mögen einige Fans super finden, ersetzt aber nicht den Weg durch die Instanzen. Foto: Gerd Thomas

Anfang der zweiten Halbzeit waren sich die Fanlager im DFB-Pokalfinale einig. Bei aller Rivalität hatte man sich vor dem Spiel verständigt, es dem DFB bei seinem größten Spiel des Jahres einmal richtig zu zeigen. Nicht ganz jugendfreie Spruchbänder gegen den verhassten Verband wurden in den Kurven gereckt, dazu wurde vor allem von den Stuttgartern das gesamte Stadion minutenlang in dichten Rauch gehüllt. Als sich der Qualm nach der Unterbrechung halbwegs verzogen hatte, wanderte ein großes Banner mit einem durchgestrichenen DFB-Logo durchs Rund - wobei es schnell steckenblieb.

Donnerschlag, da waren die Fans, die „ihren“ Multimillionären auf dem Rasen treu ergebend huldigten, mal so richtig kreativ gewesen. Zumindest die neutralen Zuschauer waren ziemlich genervt, einige mussten sich gar in medizinische Behandlung begeben. Aber wenn es gegen den DFB geht, nimmt man keine Rücksicht auf Verluste oder – wie es neuerdings so schön heißt – vulnerable Gruppen, in diesem Fall schutzbedürftige Menschen mit Asthma oder Atemwegserkrankungen. Die Parole „Scheiß DFB“ war übrigens die einzige, die man sich auch ohne Vorsänger merken konnte – eine intellektuelle Meisterleistung.

Gleichwohl stellen sich Fragen:

  • Wird da überhaupt die richtige Adresse geschmäht?
  • Wer ist eigentlich dieser DFB?
  • Und warum nicht „Scheiß DFL“?

Sicher, die Sportgerichtsbarkeit, das Schiedsrichterwesen und auch der Pokalwettbewerb unterstehen dem DFB. Aber wenn man diesen schon kritisieren will, dann dafür, dass er aus dem TV-Grundlagenvertrag mehr für die Amateure hätte rausholen sollen. Doch da spielen die Proficlubs der bedingungslosen Anhänger nicht mit. Besonders pikant: Die DFL stellt eine Reihe von Funktionären und Entscheidungsträgern innerhalb des DFB. Und die sind mir – vielleicht mit Ausnahme von St. Paulis Präsidenten Oke Göttlich – bisher nicht aufgefallen, sonderlich viel für die Amateure oder für die Fans tun zu wollen, geschweige denn sich gegen die Hardliner unter den Innenministern zu stellen.

Dass der Fußball finanziell inzwischen komplett aus dem Ruder läuft, dafür sorgt vor allem die Deutsche Fußball-Liga, welche die beiden Bundesligen vermarktet. VfB-Chef Alexander Wehrle nutzte das Interview bei der Hartplatzhelden-Konferenz dafür, die CSR-Strategie der Stuttgarter in schillernden Farben zu skizzieren. Auf die Frage, ob die Profis nicht etwas an den Breitensport abgeben sollten, verwies er wie erwartet auf den „Wettbewerb“. Immerhin nannte er nicht wie die Stadler und Waldorf des FC Bayern Muppets auf PSG und Man City, die ihr Geld aus wenig demokratischen Quellen beziehen. Wehrle trug aber ein Weltmarken-Trikot mit dem Logo zweier Autobauer, die wegen verschlafener Innovationen gegenüber der chinesischen Konkurrenz in Not geraten. Tradition allein reicht eben nicht, wie auch im Fußball. Aber ist ihm klar, dass der Amateurfußball zunehmend unter Druck gerät? Wo es doch nicht zuletzt die Breitensportler sind, die

  • inzwischen vier TV-Abos abschließen,
  • immer teurere Ticketpreise für die Stadien zahlen,
  • zusätzlich Mitglied bei den Proficlubs werden, um an Karten zu kommen,
  • auch noch das achte Saisontrikot kaufen,
  • Geld in die Kassen der schändlichen Wettanbieter spülen,
  • gleichzeitig niedrige Beiträge in den Amateurcklubs fordern.

Sogar ihre eigenen Spiele auf den Amateurplätzen lassen sie sich durch immer mehr Anstoßzeiten der Profis kannibalisieren. Kreisliga-Zuschauer bleiben gerade im Herbst oder Winter vor der Glotze. Warum nur fällt mir an dieser Stelle Bertolt Brechts Kälbermarsch ein, seine Parodie des Horst-Wessel-Liedes, in dem es heißt: „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.“

Sicher, die Sportgerichtsbarkeit, das Schiedsrichterwesen und auch der Pokalwettbewerb unterstehen dem DFB. Aber wenn man diesen schon kritisieren will, dann dafür, dass er aus dem TV-Grundlagenvertrag mehr für die Amateure hätte rausholen sollen. Doch da spielten die Proficlubs und ihre Granden Watzke, Dreesen und Hellmann nicht mit. Besonders pikant: Die DFL stellt eine Reihe von Funktionären und Entscheidungsträgern innerhalb des DFB. Und die sind – vielleicht mit Ausnahme von St. Paulis Präsidenten Oke Göttlich – bisher nicht aufgefallen, sonderlich viel für die Amateure oder für die Fans tun zu wollen - geschweige denn, sich gegen die Hardliner unter den Innenministern der Länder zu stellen.

Die Wahl der DFB-Gremien erfolgt bezüglich der Amateure demokratisch

Der DFB setzt sich darüber hinaus aus den Landes- und Regionalverbänden zusammen. Deren Präsidien werden von den Vereinen vor Ort bzw. über Kreistags-Delegierte gewählt. Ob die gewählten Funktionäre so entscheiden, wie es für die Masse des Fußballs am besten wäre, ist eine andere Geschichte. Dass das System mehr Durchlässigkeit bedarf, ist klar, nur kümmert sich niemand um die notwendigen Reformen.

Im Grunde geht es im Fußball absolut demokratisch zu. Die Vereinsmitglieder wählen ihren Vorstand. Dieser wählt auf Kreis- oder Verbandstagen die Landesfunktionäre, die in den DFB entsendet werden. Haben die Vereine den Eindruck, sie würden nicht im Sinne der Mitglieder agieren, sollten sie tunlichst daran arbeiten, für den nächsten Wahltag Alternativkandidaten zu suchen und aufzustellen. Es passiert aber nur höchst selten, dass es mehrere Anwärter auf die Posten gibt. Innovative Ideen für die Verbände, wie wir sie in Berlin erarbeiten wollten, landen regelmäßig in der Gummiwand, sofern es sie überhaupt gibt.

Silke Sinning, hessische Landespräsidentin, ist es schon zweimal gelungen, die Phalanx des bayerischen Fußballverbandes zu durchbrechen und sich gegen den größten deutschen Landesverband durchzusetzen. In Berlin sind wir vor Jahren unterlegen, als unsere neue Kandidatin nur 28 % der Stimmen erhielt. Zwar äußerte zuvor gefühlt fast jeder Verein bzw. dessen Vorstand seine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, doch für einen Wechsel fehlte dann doch der Mut. Oder war die Zeit damals noch nicht reif für eine Frau an der Spitze? Wahlniederlagen gehören dazu, unterschiedliche Meinungen tun dem Fußball gut. Auch deshalb haben mein Freund Bernd Fiedler von Stern 1900 und ich uns wieder zur Wahl für die Regionalkonferenz-Leitung aufstellen lassen – sogar mit Erfolg. Sich beleidigt zurückzuziehen hilft der Sache nicht, konstruktiver Meinungsaustausch schon.

Ein Solidarfonds zwischen Profis und Amateuren wäre zeitgemäß

Auch wenn ich der Meinung bin, viele DFB-Funktionäre sind für ihre vermeintlichen Ehrenämter deutlich überbezahlt – die 20 Millionen (plus Prämien) für einen 40-jährigen Torhüter oder knapp 10 Millionen für seinen Ersatzmann haben nicht sie zu verantworten. Die wurden von Managern in den Profivereinen festgelegt, die selbst siebenstellige Summen kassieren. Aber dagegen protestieren die Fans ja nicht. Ist vielleicht auch alles zu kompliziert. „Fußball-Mafia DFB“ muss als Pauschalkritik ausreichen.

Ich hätte einen Vorschlag, der dem Fußball insgesamt zugutekäme: Die Profis geben pauschal 10 Prozent ihres Bruttogehalts in einen Fonds, in den auch die von ihnen gut ausgehandelten WM-Prämien fließen. Die sind bei den Mega-Gehältern der Kicker eh nur ein Tropfen auf den überhitzten Stein. Das Geld könnte bspw. bei den DFB-Stiftungen verwaltet werden. Über die Vergabe der Mittel entscheidet dann eine unabhängige Kommission aus Profis, Amateuren und unabhängigen Fachleuten. Da käme man sich auch gleich mal ein wenig näher.

Lohnt sich nicht? Bei geschätzt 1,2 Milliarden Gehaltssumme aus den Bundesligen 1 und 2 ließe sich aufgeteilt auf die rund 140.000 Teams im Spielbetrieb eine hübsche Stange Geld verteilen. Ohne Trennung von Groß- und Kleinfeld und Spielklassen kämen im Schnitt fast 1.000,-- pro Team zusammen. Ich würde allerdings nur Jugendarbeit damit fördern, bspw. die zunehmend schwierige Arbeit der Jugendleitungen professionell unterstützen. Bei den Erwachsenen wäre die Gefahr zu groß, dass das Geld in die Taschen minderbegabter Kicker wandert.

Man stelle sich nun noch vor, die Strafen für Pyro, Diskriminierungen, Werfen von Gegenständen, das Schießen von Leuchtspurmunition auf friedliche Zuschauer oder unsportliches Verhalten kämen noch hinzu - kaum auszuhalten.

Ich sehe unsere neue Schatzmeisterin im Verein vor meinem geistigen Auge schon jubeln.