Warum Fußball mehr ist als Tore, Titel und Tabellen

Das Pfingstwochenende zeigte die Möglichkeiten weit über das Spiel hinaus, wie Gerd Thomas zu berichten weiß

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Warum Fußball mehr ist als Tore, Titel und Tabellen
Auch im Amateurfußball gibt es originelle Maskottchen wie den Storch beim BSV 92. Foto: Gerd Thomas

Der Fußball ist vielfältig, heißt es so gern. Nach diesem Pfingstwochenende kann ich das nur bestätigen. Es bot ein Potpourri unserer Lieblingsbeschäftigung.

Bereits am Donnerstag ging es los. Für die Hartplatzhelden-Konferenz mussten Fahnen, Hütchen, Minitore, Trikots und Wimpel als Dekoration zusammengestellt und geliefert werden. Anschließend führte der Weg zum Spitzenspiel der Landesliga beim Traditionsclub BSV 92. Ältere Fußballfreunde wissen sofort: Das ist jener Verein, bei dem der legendäre Heini Kamke alias Sammi Drechsel spielte.

Im wohl bekanntesten deutschen Fußballbuch „Elf Freunde müsst ihr sein“ – nach dem später sogar ein Fußballmagazin benannt wurde – treten „die Störche“ noch gegen Vereine wie Minerva 93, Germania 88 oder den Spandauer SV an. Rund 90 Jahre später spielen viele dieser Clubs nur noch in den Niederungen des Amateurfußballs oder sind verschwunden. Geblieben sind beim BSV 92 die roten Stutzen – gelebte Tradition in Wilmersdorf.

Sportlich wurde alles geboten, was ein Fußballspiel ausmacht: eine starke Torhüterleistung der Gastgeber, ein überraschendes 1:0 im ersten Abschnitt. Dazu eine berechtigte Gelb-Rote Karte gegen den FC Internationale, dessen Gründung 1955 beim Erscheinen des Fußballklassikers noch in ferner Zukunft lag. Zur Pause wechselte der Inter-Trainer gleich dreimal – mit Erfolg. Nach der überragenden zweiten Halbzeit fiel in der 94. Minute der 2:3-Siegtreffer in Unterzahl. Die Meisterschaft ist greifbar nah, aber noch längst nicht entschieden. Denn neben dem Sport beschäftigen falsche Passbilder und die Folgen der Insolvenz eines Staffelkonkurrenten weiterhin die Sportgerichte, die in dieser Spielzeit besonders gefordert sind.

Was Demokratie mit Amateurfußball verbindet

Am Freitag stand die Amateurfußball-Konferenz auf dem Programm – mit Philipp Lahm und Staatsministerin Christiane Schenderlein als Gästen. Die Keynote hielt Ansgar Thiel, Rektor der Sporthochschule Köln, unter der provokanten Frage: „Sind Amateurfußballer:innen die besseren Demokraten?“ Seine Antwort: nicht automatisch. Vereine sollten kein Idealbild erzwingen, wohl aber eine funktionierende Praxis des respektvollen und integrativen Miteinanders schaffen.

Ich finde ja, der Amateurfußball kann gelebte Demokratie sein – wir müssen die Mitsprachemöglichkeiten nur nutzen, z. B. auf Mitgliederversammlungen, Kreis- und Verbandstagen. Auch die Finanzierung des Sports war Thema. Die sogenannte „Sportmilliarde“, die faktisch keine ist, hält Thiel für unzureichend. Sein Plädoyer: Sport müsse politisch als kritische Infrastruktur verstanden werden. Die Ministerin widersprach zumindest nicht.

In den Workshops stellte der DFB seinen „Masterplan Amateurfußball“ vor. Zudem ging es um Best-Practice-Beispiele aus Vereinen und natürlich um das Ehrenamt. Denn am Samstag wurde bundesweit der vom Bundespräsidenten initiierte Ehrentag gefeiert. Gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne Amar fragte ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie das Ehrenamt im Jahr 2030 aussehen sollte. Die Antworten waren bemerkenswert einhellig: Aufgaben müssten künftig auf mehr Schultern verteilt werden, die überbordende Bürokratie müsse reduziert werden und ehrenamtliches Engagement gesellschaftlich deutlich stärker wertgeschätzt werden.

Wie passend, dass mit Gudrun und Heinz Reinders zwei Menschen ausgezeichnet wurden, die sich seit Jahren als Team mit großem Einsatz um den Mädchenfußball verdient machen.

Fußball nicht nur auf der großen Bühne

Am Samstag folgte das DFB-Pokalfinale. Sicherlich kein Amateurfußball, doch saßen zahlreiche verdiente Berliner Breitenfußballer im Stadion und sahen eine Machtdemonstration der Bayern. Einer bemerkte trocken, man könne auf die ganze Inszenierung verzichten und stattdessen das Geld lieber in den Amateurfußball investieren. Das wird man wohl noch sagen dürfen.

Mir persönlich würde es schon reichen, wenn hochbezahlte Nationalspieler ihre – gemessen an ihren exorbitanten Gehältern bescheidenen – Prämien den DFB-Stiftungen zur Verfügung stellen würden, um sinnvolle Projekte in den Vereinen zu fördern. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Der Sonntag brachte dann das Kontrastprogramm. Unser Bürgermeister hatte zum zweiten Mal Delegationen aus allen Partnerstädten eingeladen. Spielerinnen und Spieler aus Israel, Polen, Frankreich und der Ukraine waren ebenso dabei wie Teams aus Paderborn, Penzberg und dem Werra-Meißner-Kreis. Ich durfte im sogenannten „VIP-Spiel“ mitwirken – mit dem klaren Ziel, die 1:11-Niederlage aus dem Vorjahr vergessen zu machen. Das gelang eindrucksvoll. Beim 4:0 hielt unser Torwart aus der Pressestelle des Bezirks sogar einen Strafstoß samt Nachschuss. Obwohl zwei Mitarbeitende aus der Finanzverwaltung mitspielten, gab es hinterher – anders als bei manchen Amateurvereinen – keine Umschläge. Gut so.

Es kommt auf das Miteinander an

Am Pfingstmontag wartete schließlich noch ein weiteres Pokalfinale. Unsere 2. Herren trafen auf die Spandauer Kickers – einen Verein, der zwar fünf Jahre älter ist als wir, aber ebenfalls zahlreiche Traditionsclubs überflügelt hat. Für einige Spieler war dieses Endspiel der Höhepunkt ihrer bisherigen Fußballlaufbahn. Inter gewann deutlich mit 4:0, und wirklich alle Spieler ließen sich noch einmal mit dem Pokal fotografieren. So ein Pott ist eben noch einmal etwas anderes als eine Meisterschaft, viele gewinnen ihn nur einmal oder nie.

Der Fußball zeigt immer wieder, dass es um weit mehr geht als Tore und Tabellen. Vor zwei Wochen veranstalteten wir gemeinsam mit der Arne-Friedrich-Stiftung ein Turnier, bei dem Jungen und Mädchen zusammenspielten, die größtenteils keinem Verein angehören. Selbst die Schiedsrichter waren aktiv am Ball statt an der Pfeife. Alle beteiligten Projekte erhielten anschließend eine Spende, zusätzlich wurde für das Berliner Kinderhospiz Leo gesammelt.

Manchmal zeigt der Fußball seine schönste Seite nicht auf der Anzeigetafel, sondern im Miteinander. Genau das sollten wir öfter beherzigen.