Warum es nicht klappt, die Regionalligen zu reformieren

Oberflächlich stellt sich vor allem der Süden quer. Bei näherem Hinsehen tauchen viele Fragen und Fallstricke auf – wohl auch zu Lasten der Amateure, befürchtet Gerd Thomas.

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Warum es nicht klappt, die Regionalligen zu reformieren
In den Stadien mahnen Fans und Vereinsvertreter eine Lösung an - Foto: Gerd Thomas

„Meister müssen aufsteigen!“ Immerhin bei dieser Forderung sind sich alle Regionalligisten einig, wenn es um die bevorstehende Reform geht. Damit ist die gegenseitige Solidarität dann aber auch erschöpft. Im Sommer sollte eigentlich ein neues Modell verabschiedet werden, doch in letzter Minute wurden diverse Änderungen in den Entwurf eingefügt, sodass dieser für viele Vereine nicht mehr tragbar war. Zudem kamen vor allem aus dem Süden und Südwesten abweichende Ideen auf den Tisch.

Die Mehrheit dürfte das sogenannte Kompassmodell favorisieren, doch auch da bleiben Unklarheiten. Beinhalten die mit Hilfe der KI zusammengesetzten vier Staffeln künftig 18 oder 20 Mannschaften? Momentan deutet vieles auf die kleinere Variante hin. Mehr ist deutschen Profiligen scheinbar nicht zuzumuten.

Viele Vereine gehen ins Risiko

Profiligen? Selbstverständlich! Benennen wir es, wie es ist. Bei den ambitionierten Teams kann man längst nicht mehr vom Amateurstatus sprechen, schließlich leben deren Spieler vom Fußball. Ob sie nun vom Verein, von Sponsoren oder von privaten Gönnern für vermeintliche Hausmeistertätigkeiten entlohnt werden, spielt dabei keine Rolle. Und ob jeder Euro für die Spieler versteuert und bei der Sozialversicherung angemeldet wird, soll hier auch nicht erörtert werden. Viele Vereine setzen auf hohes Risiko und sind verdammt, auch künftig wenigstens in der vierten Liga zu spielen. Auf jeden Fall würde sich jeder Turner oder Ringer der Spitzenklasse, jede Hockey- oder Volleyball-Nationalspielerin über eine solche Entlohnung freuen.

Bernd Neuendorf hat die Reform nun zur Chefsache erklärt, was von den Anhängern des Kompassmodells begrüßt wird. Gleichwohl könnte es für einige zum bösen Erwachen kommen. Setzt der DFB-Präsident das Modell mit viermal 18 Mannschaften durch, würden 20 Prozent der jetzigen Vereine als die großen Verlierer dastehen. Legt man den aktuellen Tabellenstand zugrunde, wären diese Teams am ehesten betroffen: Jeddeloh, HSV II, HSC Hannover, Todesfelde, Bremer SV, Lotte, Rödinghausen, Wiedenbrück, Bochum II, Hilden, Chemie Leipzig, Hertha II, Stahnsdorf, Tasmania, Luckenwalde, Ulm, Fulda, Walldorf, Mainz II, Kaiserslautern II, Landsberg, Ansbach, Schwaben Augsburg, Aubstadt und Fürth II.

Für einige Vereine könnte es ein böses Erwachen geben

Bis auf Ulm und Leipzig sind keine Zuschauermagneten dabei, aber Tabellen verändern sich, und Vereine geraten schnell mal unvorhergesehen in niedrige Gefilde. Zumal die Zweitvertretungen sicher alles dafür tun werden, damit ihr Unterbau die Liga hält – und sei es mit Hilfe von Profis aus den Bundesligen. So könnten sich am Ende plötzlich große Namen wie Bayreuth, Schweinfurt, Kassel, FSV Frankfurt, Sandhausen, Wattenscheid, Babelsberg oder Zwickau nur noch in der fünften Liga wiederfinden.

Auch wenn der hochgeschätzte Hardy Grüne im von mir heißgeliebten Zeitspiel-Magazin kundtut, dass ihn der Vorschlag des Bayerischen Fußball-Verbands, noch einmal nachzudenken, „sprachlos macht“, sollte man sich diesen zu Gemüte führen. Der beinhaltet nämlich eine Aufstockung der 3. Liga von 20 auf 22 Mannschaften bei künftig fünf Absteigern. Es würde also sogar ein Team mehr als bisher die Klasse halten. Die Regionalligen blieben wie bisher, die Meister steigen alle fünf auf.

Sind die Drittligisten zu wenig ambitioniert?

Die 3. Liga sträubt sich dagegen, begründet die Ablehnung mit zu hoher Belastung. Im Vergleich: In England spielt die 3. Liga (League One) mit 24 Teams, von denen die Plätze 3–6 sogar noch einen dritten Aufsteiger ausspielen. Dazu kommen gleich zwei Pokalwettbewerbe, statt einem in Deutschland, in dem 95 Prozent der Drittligisten sehr früh ausscheiden. Spaniens zweite Liga hat 22 Mannschaften, trotz teilweise tropischer Temperaturen. Kann die sportliche Misere auf internationaler Ebene auch an der Ambitionslosigkeit hierzulande liegen?

Besonders irritierend an der klaren Absage: Zwei Heimspiele mehr würden auch mehr Einnahmen bedeuten, was den Vereinen sicher gut zu Gesicht stünde. Fever Pit'ch-Gründer Pit Gottschalk hat gar noch einen weitergehenden Vorschlag: eine 3. Liga mit 36 Teams, aufgeteilt in Nord und Süd. Zur Wahrheit gehört ebenfalls, dass Bayern schon unter dem streitbaren Rainer Koch, der sich als 1. Vizepräsident Amateure immer für die Belange der Basis eingesetzt hat, einen Vorschlag mit Folgen für die eigene Liga gemacht hat. Man war bereit, mit Sachsen und Thüringen die Liga zu teilen, aber das wurde nicht zuletzt vom stets auf Tradition – also der vor 1990 - pochenden Osten abgelehnt.

Der mehrfach wegen politisch umstrittener Aussagen auffällige NOFV-Chef und DFB-Vizepräsident Hermann Winkler, den n-tv einst als untragbaren Russen-Freund bezeichnete, sprach gar von einer roten Linie, die überschritten war. War die Angst zu groß, dass fast immer der bayerische Vertreter aufsteigen würde? Zuletzt hat sogar der dortige Zweite klar gegen den Meister des Nordostdeutschen Fußball-Verbands deutlich verloren. Ein Jahr zuvor verpasste Lok Leipzig ebenfalls den Aufstieg – in den Entscheidungsspielen gegen das Schwergewicht Havelse.

Der Amateurfußball droht als Verlierer dazustehen

Was bislang nicht diskutiert wird, sind die Folgen für den Amateurfußball. Die durch die Neuordnung vermehrten Abstiege wirken sich natürlich auch auf die Verbands- und Landesligen aus, in Einzelfällen bis hinunter in die Kreisklasse. Ob und wie das verhindert werden kann, ist noch nicht diskutiert, vielleicht läuft das auch einfach unter Kollateralschäden. Es drängt sich  ohnehin der Eindruck auf, beim DFB ginge es nur noch um die oberen Ligen. Der mächtige Liga-Boss Hans-Joachim Watzke scheint sich auf ganzer Linie durchgesetzt zu haben, was nicht für die gewählten Vertreter der Amateure spricht. Von denen hört man kaum etwas. Sie sitzen längst am Katzentisch, wenn überhaupt.

Dazu passt die zur Reform gespielte Begleitmusik. Neuendorf und seine Fürsprecher planen, die künftig nur noch vier Regionalligen unter dem Dach des DFB anzusiedeln. Das hätte weitreichende Folgen für den Amateurbereich, die unbedingt in die Diskussion einfließen sollten. Wenn nämlich die stets 15.000 Fans von Zuschauer-Krösus 1860 – der auch auswärts die Hütte vollmacht – nicht mehr dem Bayerischen Fußball-Verband (BFV), sondern dem DFB zugeschlagen werden, fehlt in der Landeskasse eine Menge Geld, wie BFV-Präsident Christoph Kern im hochinteressanten aktuellen Hartplatzhelden-Podcast erläuterte.

Wie kann das kompensiert werden? Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder der BFV spart Dienstleistungen an die Vereine ein oder die Clubs - als Quasi-Eigentümer des Verbands - gleichen die fehlende Summe aus. Drittens: Man findet Sponsoren. Variante eins und zwei dürften für erheblichen Unmut an der Basis sorgen, was den DFB nicht interessieren muss, wird der Ärger doch in den Landesverbänden abgeladen. Variante drei ist in Zeiten schwächelnder Wirtschaft kaum umzusetzen, zumal der DFB hier sogar als Konkurrent agieren würde.

Der DFB will die Daten der Amateure für sich vermarkten

Die immer stärker werdenden Marketing-Leute am Frankfurter Campus haben sich nämlich noch eine Neuerung ausgedacht. Mit „Digitales Vereinsheim“ möchte man alle Daten der in den Landesverbänden registrierten Mitglieder sammeln – und vermarkten. An dieser Stelle sei der stets gut informierten Süddeutschen Zeitung für ihre nimmermüden Recherchen gedankt, auch wenn die nicht jedem gefallen.

Viele Landesverbände fürchten den Kontrollverlust über ihre Daten, was nicht nur wegen zunehmender Hackerangriffe absolut ernst zu nehmen ist. Dass DFB-Schatzmeister Grunwald als gute Beispiele ausgerechnet Watzkes BVB und das in mehr als 100 Anklagepunkten schuldig gesprochene Manchester City anführt, können die Amateurvereine eigentlich nur als Schlag ins Gesicht werten. Aber interessiert das die Mehrheit derer Vertreter, sprich der Landespräsidenten, überhaupt?

Die SZ mutmaßt hinter der Idee übrigens ein Entgegenkommen an den kriselnden neuen Hauptsponsor Nike, der gerade die Notbremse gezogen hat und ein drastisches Milliarden-Sparprogramm auflegen muss. Es ist für den deutschen Fußball zu hoffen, dass alle mit dem US-Konzern vereinbarten Zahlungen auf die DFB-Konten eingezahlt werden. Schließlich müssen die stetig wachsenden Ausgaben wie das Gehalt von Watzke-Kumpel und Heilsbringer Jürgen Klopp inklusive Stab bezahlt werden.

Der bayerische Verbandschef Christoph Kern macht sich im Hartplatzhelden-Podcast Luft und stellt gegenüber seinen beiden Gastgebern Michael Franke und Gerd Thomas fest: „Wir werden um die Datenhoheit kämpfen. Die Finanzierbarkeit der Basis muss weiterhin gewährleistet sein. Was vermarktet wird, werden wir mitentscheiden.“ Das hört sich nicht danach an, als würde die Zentralisierung der sensiblen Daten ein Spaziergang für die Marketing-Manager Stefan Grunwald, Holger Blask und neuerdings Klopp-Intimus Marc Kosicke, für den laut Bernd Neuendorf ja alle Türen beim DFB offen stehen. Aber vielleicht hat er mit der Sache genauso wenig zu tun wie mit seiner früheren Agentur Plan B.

Bayerischer Präsident will Augenhöhe und keine Verlierer

Genau diesen bräuchte es in der DFB-Zentrale wahrscheinlich. Denn Christoph Kern, Chef des mit Abstand stärksten Landesverbands (4.433 Vereine - und damit mehr als die jeweiligen Regionalverbände Nord, Nordost, West und Südwest), fährt fort: „Es braucht Augenhöhe und darf am Ende keine Verlierer geben. Die Landesverbände sind Dienstleister der Vereine, deren Erwartungshaltung wird höher, dem müssen wir gerecht werden. Ich bin Präsident für fast 4.500 Vereine. Dafür engagiere ich mich.“

Für Neuendorf und seine Vizepräsidenten steht nicht weniger als die Einheit des DFB auf dem Spiel. Allen Präsidenten der Landesverbände ist zu empfehlen, sich auf die überragende Mehrheit ihrer Vereine zu konzentrieren. Diese kommen aus dem Amateurlager. Auch wenn der DFB versucht, den Landesfürsten die Abtretung ihrer Daten mit Einmalzahlungen schmackhaft zu machen, sollten sie nicht für den schnellen Euro einknicken. Allerdings sind einige der Verbände nicht gerade auf Rosen gebettet, so mein Verband in Berlin.

Landesverbände dürfen sich nicht dem DFB ausliefern

Der wurde vom eigenen Vizepräsidenten im aktuellen Zeitspiel-Magazin als der progressivste im Land verklärt, hat in den letzten zwei Jahren aber fast alle größeren Sponsoren verloren und keinen Ersatz gefunden. Auch ein Grund, warum die Beiträge für die Vereine deutlich erhöht werden mussten. Im Juli informierte der Berliner Fußball-Verband die Vereine über drastische Einschnitte:

"Mit dieser Mail wollen wir transparent über einige Veränderungen in der Personalstruktur des Berliner Fußball-Verbands informieren, die zur Folge haben, dass zentrale Themen der Gesellschaftlichen Verantwortung seit dem 1. Juli 2026 nicht mehr hauptamtlich bearbeitet werden können. Dies betrifft insbesondere die Bereiche Antidiskriminierung und Vielfalt, Inklusion und Kinderschutz, in denen aufgrund von auslaufender bzw. nicht vorhandener externer Förderung Personalstellen nicht aufgebaut bzw. nachbesetzt werden. Das Fehlen von hauptamtlichen Ansprechpersonen bzw. die Verlagerung von Prozessen ins Ehrenamt bzw. an externe Partnerorganisationen wird ggf. auch Auswirkungen auf die Arbeit Ihrer Vereine haben." Berliner Fußball-Verband, 8. Juli 2026

Wie intensiv man nach Ersatz für die abgesprungenen Sponsoren gesucht hat, werde ich bei Gelegenheit erfragen. Neuerdings kann man in Berlin ja die noch gar nicht in der Regierung befindlichen Wahlgewinnerin für alles verantwortlich machen – nicht nur für die offensichtlich unzureichende Olympiabewerbung.

Allen Landesverbänden sei dringend geraten, sich nur wegen einer schwierigen Etatsituation nicht der Vermarktungsgesellschaft beim DFB auszuliefern. Das wäre eine sehr schlechte Idee und nicht im Sinne ihrer Vereine, die als Verlierer feststünden. Mit der Augenhöhe wäre es dann endgültig vorbei. Am 17. Oktober ist Verbandstag beim aus Bayern, Hessen, Württemberg, Baden und Südbaden bestehenden Süddeutschen Fußball-Verband. Wir dürfen auf die Ergebnisse gespannt sein. Sie könnten für den deutschen Fußball bedeutsamer sein, als manche es sich vorstellen können.