Vom Abwehrchef zum Fußball-Lehrer: Bayern wagt das Experiment Dante
Ohne Übergangsjahr von Nizza an die Säbener Straße. Der Rekordmeister setzt bei der U23 auf biografische Tiefe statt Trainerjahre.
Elf Jahre nach seinem Abschied steht Dante wieder beim FC Bayern auf dem Platz, diesmal mit Trainingsanzug und Pfeife. Der 42-jährige Brasilianer übernimmt die zweite Mannschaft des Rekordmeisters in der Regionalliga und tritt damit die Nachfolge von Holger Seitz an. Es ist seine erste Trainerstation überhaupt. Vor wenigen Tagen erst hatte er bei OGC Nizza in der französischen Ligue 1 seine Spielerkarriere beendet, nachdem er mit dem Klub in der Relegation noch einmal den Abstieg verhindert hatte. Vom Rasen direkt an die Seitenlinie, ohne Pause, ohne Übergangsjahr.
Dass die Bayern ausgerechnet Dante einen Posten anvertrauen, der traditionell als Lehrjahr für ambitionierte Trainer gilt, sagt etwas darüber aus, wie der Klub seinen Nachwuchsbereich gerade neu sortiert. Jochen Sauer, Direktor Nachwuchsentwicklung, hat den Gedanken offen formuliert: Man sei "zu dem Entschluss gekommen, dass wir mit einem jungen Trainer, der selbst auf hohem Niveau Profi war, arbeiten wollen". Dante habe "als Spieler nahezu alles erlebt, was man im Fußball erleben kann". Es ist die Wette darauf, dass biografische Tiefe ein Argument sein kann, wo Trainerjahre fehlen. Michael Wiesinger, Leiter Sport und Nachwuchsentwicklung, ergänzt das um den Persönlichkeitsbegriff: Dante habe "bei all seinen Klubs immer auf und neben dem Platz Verantwortung übernommen".
Die Aufgabe selbst ist klar umrissen. Am Campus werden Talente ausgebildet, irgendwann müssen sie den Schritt in den Männerfußball machen, und genau dort setzt die U23 an. Dante hat das in seinen ersten Worten zur neuen Aufgabe selbst beschrieben: "Am Campus werden viele gute Talente ausgebildet, die sich bei den Amateuren erstmals im Männerfußball behaupten müssen. Bei diesem wichtigen Schritt wollen mein Trainerteam und ich sie bestmöglich begleiten." Es ist eine Beschreibung, die nüchtern bleibt und wenig verspricht, außer Begleitung. Auch das passt zu einem Anfang, in dem niemand weiß, wie tragfähig diese Idee am Ende sein wird.
Der Karrierebogen, der hier zu Ende geht und gleichzeitig wieder beginnt, ist trotzdem bemerkenswert. Zwischen 2012 und 2015 spielte Dante in München, gewann in dieser Zeit elf Titel, dazu zählte das historische Triple 2013. Insgesamt stehen 754 Profispiele in seiner Vita, sein Lockenkopf war über Jahre eine der markantesten Erscheinungen in der Bundesliga. Dass er parallel zur Spielerkarriere die Trainerausbildung vorangetrieben hat, war an der Säbener Straße offenbar ein zusätzliches Argument. Aus dem Publikumsliebling, der mit vollem Namen Dante Bonfim Costa Santos heißt, soll nun ein Lehrer werden.
Bemerkenswert ist auch das Tempo. Wer wenige Tage nach dem letzten Pflichtspiel als Profi schon den nächsten Vertrag unterschreibt, lässt sich keine Bedenkzeit. Start der Vorbereitung ist am 22. Juni, viel Luft bleibt bis dahin nicht. Die Bayern haben sich für eine Lösung entschieden, die Risiko und Identifikation gleichzeitig im Paket liefert. Ob Dante den Talenten am Campus den entscheidenden Schritt erleichtern kann, wird sich auf dem Platz zeigen, in einer Liga, in der der Name auf dem Rücken weniger zählt als die Frage, wer in der 78. Minute noch läuft. Für Dante beginnt jetzt die Arbeit, die er als Spieler nie machen musste: andere besser machen.