UEFA gegen Infantino: Widerstand oder Machtdemonstration?

Der Rückzug der Investorenpläne reicht Europa nicht. Was fehlt, ist längst mehr als eine Bedingung: der Rücktritt eines einzelnen Mannes

Teilen
UEFA gegen Infantino: Widerstand oder Machtdemonstration?
IMAGO/Mark Pain

Ein Rückzug, eine Entschuldigung, eingeräumte „Fehler“ nach einer Krisensitzung in Marokko: In der Sprache des Diplomaten wäre die Sache damit erledigt. Die FIFA-Führung hat am Mittwoch das getan, was Reue verlangt. Die UEFA hat am Donnerstag geantwortet, dass ihr das nicht genügt.

Damit ist der Streit an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr um Investoren geht. Die Pläne zum Verkauf von Anteilen an den wichtigsten FIFA-Wettbewerben sind zurückgezogen – und trotzdem hält die UEFA an ihrem Boykott der Wettbewerbe des Weltverbandes fest. Der Boykott zielt nicht mehr auf ein Vorhaben. Er zielt auf einen Mann.

Denn die UEFA hat in ihrer Erklärung einen Satz stehen, der schwerer wiegt als jede Bedingung: Sie habe „das Vertrauen in Infantino verloren“. Vertrauen ist keine Verhandlungsmasse, die man mit einer zurückgezogenen Präsentation zurückkauft. Wer es einmal ausspricht, verlässt die Ebene der Sachfrage.

Die Bedingungen selbst lesen sich entsprechend. Der Plan müsse zurückgezogen werden – erledigt. Aber es müsse zudem sichergestellt werden, „dass derartige Versuche, den Fußball auf diese Weise zu entstellen, niemals wieder unternommen werden“. Eine Garantie für die Zukunft verlangt niemand von einem, dem er noch traut. Sie verlangt man von einem, den man loswerden will.

Gianni Infantino ist bislang der einzige erklärte Kandidat für die Wiederwahl im März 2027. Genau hier liegt die zweite Ebene dieses Streits: Der Boykott trifft einen Amtsinhaber, der ohne Gegenkandidaten dasteht, in dem Moment, in dem er am verwundbarsten ist. Der Zeitpunkt ist kein Zufall des Kalenders.

Die FIFA-Führung hat Infantino nach der Krisensitzung ihre „volle Unterstützung“ ausgesprochen und darauf verwiesen, dass er als einziger von den 211 Mitgliedsverbänden gewählter Verantwortlicher an der Spitze des Weltverbandes steht. Das ist das stärkste Wort, das für ihn spricht: die demokratische Legitimation eines gesamten Weltverbandes gegen die Fronde eines einzelnen Kontinents.

Die UEFA hat dieses Wort in einem Satz zerlegt. Die Erklärung stamme von „einigen Personen, die vom FIFA-Präsidenten beschäftigt werden und deren Karriere von seinem Wohlwollen abhängt“. Wer den Rückhalt eines Gremiums so entwertet, sagt zugleich, dass er kein Gremium mehr anerkennt, das den Streit schlichten könnte. Danach bleibt nur noch der Machtkampf.

Und deshalb wirkt die europäische Position brüchiger, als sie klingt. Die FIFA hat nachgegeben, sie hat sich entschuldigt, sie hat das Vorhaben aufgegeben. Ein Widerstand, der genau dann weiterläuft, wenn sein Anlass verschwunden ist, verliert die Berufung auf die Sache. Er wird zu dem, was er dem Gegner vorwirft: eine Demonstration der eigenen Macht.

Das heißt nicht, dass die UEFA im Unrecht ist. Ein zurückgezogener Plan beweist nicht, dass der Impuls dahinter verschwunden ist – die Forderung nach einer Garantie „niemals wieder“ hat einen realen Kern. Wer einmal Anteile an den größten Turnieren der Welt zum Verkauf stellen wollte, hat gezeigt, wozu er bereit ist.

Nur lässt sich dieser Kern nicht durch einen Boykott einlösen, sondern durch eine Wahl. Im März 2027 stimmen 211 Verbände ab, nicht ein Kontinentalverband und CONCACAF, die sich bislang entschieden gestellt haben. Solange die UEFA keinen Gegenkandidaten benennt, führt sie einen Kampf, den sie mit den Mitteln des Verbandes gar nicht gewinnen will.

Infantino hat einen Fehler gemacht und ihn zurückgenommen. Die UEFA hat entschieden, dass der Fehler nicht mehr das Thema ist. Ein Boykott gegen einen Plan endet, wenn der Plan endet. Ein Boykott gegen einen Menschen endet erst, wenn der Mensch geht: Genau das ist der Preis eines verlorenen Vertrauens.

Unbedingt lesen: UEFA hält an FIFA-Boykott fest