Trainerbeben in der Serie A: Lange Verträge, kurze Geduld, immer hohe Ambitionen
Allegri raus, Conte weg, Sarri auf dem Sprung – nur vier der Top-Neun halten an ihren Coaches fest. Eine Liga sortiert sich neu, der Ausgang ist offen.
Es ist selten, dass sich in der Serie A so viele große Namen gleichzeitig in Bewegung setzen. Massimiliano Allegri ist am Montagabend bei der AC Mailand entlassen worden, nachdem die Champions-League-Qualifikation verpasst worden war. Antonio Conte hat seinen Rücktritt beim SSC Neapel erklärt. Maurizio Sarri will Lazio Rom verlassen, obwohl sein Vertrag dort eigentlich bis 2028 läuft. Und Gennaro Gattuso, gerade erst als italienischer Nationaltrainer nach dem Scheitern in den WM-Playoffs entlassen, steht laut italienischen Medienberichten vor der Rückkehr auf eine Vereinsbank.
Wer das ordnen will, muss sich die Zahl vor Augen führen, die der Bericht liefert: Von den ersten neun Teams der abgelaufenen Saison werden nur vier mit ihren bisherigen Trainern weitermachen. Inter Mailand hält an Cristian Chivu fest, Como 1907 an Cesc Fàbregas, die AS Rom an Gian Piero Gasperini, Juventus Turin offenbar an Luciano Spalletti. Der Rest – ein Karussell. Das ist kein normaler Sommer, das ist ein kompletter Schnitt durch die Liga, und er trifft ausgerechnet jene Generation italienischer Trainer, die das Bild des Calcio im vergangenen Jahrzehnt geprägt hat.
Allegri, Conte, Sarri – drei Namen, drei Schulen. Allegri steht für Pragmatismus und Ergebnisverwaltung, Conte für intensive Disziplin, Sarri für die ballbesitzorientierte Idee, die in Neapel einmal als „Sarrismo" Schule machte. Dass alle drei nun fast gleichzeitig ihre Klubs verlassen oder verlassen mussten, ist mehr als Zufall. Es ist die Quittung für ein System, in dem Trainer in Italien längst nicht mehr Jahre, sondern Spielzeiten oder gar Halbserien bekommen, um etwas aufzubauen. Sarri hatte in Rom einen Vertrag bis 2028 – jetzt geht er nach einer enttäuschenden Saison, einem neunten Platz und einem verlorenen Pokalfinale. So lange Verträge, so kurze Geduld.
In dieser Lage greift Lazio-Präsident Claudio Lotito ausgerechnet zu Gattuso. Es ist ein Griff, der etwas über die italienische Trainerlogik verrät. Gattuso ist nicht der Mann der großen taktischen Erzählung, er ist der Mann der Mentalität, der Ansprache, des direkten Zugriffs auf eine Kabine. Dass er einen Zweijahresvertrag mit einem Grundgehalt von 1,5 Millionen Euro erhalten soll, während Sarri 2,5 Millionen verdiente, passt ins Bild: Lazio will einen Neuanfang, aber zu reduzierten Konditionen. Lotito setzt auf Energie statt auf System, auf einen Trainer, dessen Marktwert nach der WM-Pleite gerade gesunken ist.
Ob das aufgeht, ist offen. Gattuso kommt aus einer Niederlage, die in Italien lange nachhallt – das Verpassen einer Weltmeisterschaft ist kein Betriebsunfall, sondern ein Trauma. Und die Beziehung zwischen Lotito und Sarri galt zuletzt als angespannt; nichts spricht dafür, dass die Geräuschkulisse in Rom unter einem neuen Trainer leiser wird. Dass Sarri sich parallel grundsätzlich mit Atalanta Bergamo geeinigt haben soll, schließt den Kreis dieses Sommers nur weiter: Trainer wandern, Klubs sortieren sich neu, und am Ende sitzen viele bekannte Gesichter auf neuen Bänken.
Was bleibt, ist der Eindruck einer Liga, die sich selbst neu mischt, ohne dass klar wäre, was am Ende dabei herauskommt. Die Stabilität, die Inter, Como, die Roma und Juventus signalisieren, ist die Ausnahme. Der Rest ist Bewegung. Und Gattuso, sollte es so kommen, wäre in dieser Bewegung nicht der Anfang und nicht das Ende, sondern der nächste Name auf einer Liste, die in diesem Sommer ungewöhnlich lang geworden ist.