Tatort Jugendfußball: Der DFB muss nach England schauen
Erstmals sprechen zahlreiche Betroffene offen über Missbrauch im Jugendfußball. Der englische Verband hat vorgemacht, was hierzulande noch fehlt.
Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche spielen in Deutschland Fußball, und viele von ihnen träumen davon, Profi zu werden. Genau diesen Traum haben Täter ausgenutzt: Ein Jugendtrainer bei Union Berlin stellte seinen Spielern nach Darstellung des ZDF den Profifußball in Aussicht und nutzte ihr Vertrauen für sexuelle Übergriffe. Ein Trainer aus dem Ruhrgebiet misshandelte und demütigte 17 Jahre lang Kinder, die ihm beim Training anvertraut waren. Ans Licht kamen die Taten erst, als sich ein Betroffener an die Polizei wandte.
Das ist der Stoff von „Tatort Jugendfußball“, einer „sportstudio“-Produktion in der ZDF-Reihe „Die Spur“, zu sehen ab Mittwoch, 7. Oktober, um 9.00 Uhr im ZDF-Streaming und am Abend um 22.45 Uhr im ZDF. Ex-Fußballer und Journalist Jonas Hummels, einst Jugendspieler beim FC Bayern und später Kapitän der SpVgg Unterhaching, hat den Film mit Marie Bröckling gemacht. Das Neue daran benennt das ZDF selbst: Erstmals sprechen zahlreiche Fußballer offen über ihre Missbrauchserfahrungen, junge und alte Männer, Studenten und Rentner, Handwerker und Geschäftsleute.
Dass sie das jetzt tun, gemeinsam und mit Gesicht, ist die eigentliche Nachricht. Missbrauch im Jugendfußball galt lange als Kette von Einzelfällen, die jeweils ein Verein, ein Gericht oder eine Lokalzeitung abarbeitete. Wenn Betroffene aus ganz unterschiedlichen Lebenslagen nebeneinander auftreten, wird aus den Einzelfällen ein Muster – und für ein Muster ist nicht mehr nur der einzelne Täter zuständig.
Wer den Amateurfußball verteidigt, hat dafür ein starkes Argument. Getragen wird der Jugendbetrieb von Ehrenamtlichen, die ihre Abende und Wochenenden auf dem Platz verbringen, und jede neue Kontrollpflicht trifft zuerst die, die sich nichts zuschulden kommen lassen. Ein Generalverdacht gegen Jugendtrainer würde genau die Leute vertreiben, ohne die kein Kind in Deutschland mehr Fußball spielen könnte.
Nur beantwortet das Argument die Frage nicht, die der Film stellt: Welche Strukturen haben die Taten ermöglicht? Hummels trifft dafür Betroffene, Eltern, Trainer und Vereinsfunktionäre – und er reist nach England. Dort wurde 2016 bekannt, dass ein Trainer Dutzende Kinder jahrelang missbraucht hatte, und der englische Verband begann daraufhin eine umfassende Aufarbeitung. Hummels trifft einen der damals Betroffenen und konfrontiert danach den DFB mit der Frage, was sich im deutschen Fußball ändern muss.
Die Antwort des Verbands verrät das ZDF vor der Ausstrahlung nicht. Sie ist der Teil des Films, auf den es ankommt: Der englische Verband hat sich seiner Geschichte gestellt, als sie öffentlich wurde. Der DFB hat jetzt 28 Minuten Film vor sich, in denen seine eigenen Spieler reden.