Skandal um Manchester City: Rooney begleicht die alte Rechnung nicht
Während die ehemaligen Mitspieler Ferdinand und de Gea nach dem Meistertitel von 2012 greifen, lehnt ihr Ex-Kapitän ab. Seine Begründung entlarvt die anderen.
114 von 115 Fällen: So hat eine unabhängige Kommission die Verstöße von Manchester City gegen Finanzvorschriften zwischen 2009 und 2018 als erwiesen eingestuft, nach jahrelangem Verfahren. Im Extremfall droht dem derzeitigen Vizemeister der Zwangsabstieg. Und in dem Moment, in dem ein Schuldspruch dieser Wucht feststeht, meldet sich in England reihenweise der Wunsch, alte Rechnungen zu begleichen – rückwirkend, mit Titeln, die längst vergeben sind.
Rio Ferdinand und David de Gea, beide einst bei Manchester United, verlangten in den vergangenen Tagen die nachträgliche Ernennung ihres Klubs zum Meister der Saison 2012. Ausgerechnet Wayne Rooney, ihr damaliger Kapitän, will davon nichts wissen – und das ist die seltenere, ehrlichere Haltung im ganzen Empörungschor.
„Ich würde 15 Jahre später keine Medaille bekommen wollen, nur weil City betrogen hat“, sagte Rooney schon vor der Bestätigung des Schuldspruchs im Podcast „Stick to United“. Der 40-Jährige, der 2012 mit United nach einem Fotofinish am letzten Spieltag hinter City lediglich Platz zwei belegte, greift also nicht nach dem, was ihm rechnerisch offenstünde. Er lehnt es ab.
Man kann diese Haltung für naiv halten. Denn ein Titel, der mit nachgewiesenen Regelbrüchen erzielt wurde, war eben nicht sauber zustande gekommen – warum sollte der Zweitplatzierte, der sich an die Regeln hielt, dafür büßen? Wer so argumentiert, sagt: Sport ohne Sanktion ist keine Ordnung, sondern ein Vorschlag. Genau darauf zielen Ferdinand und de Gea.
Rooney dreht den Gedanken um, und er tut es mit einem Argument, das schwerer wiegt als jede Forderung nach Wiedergutmachung. „Wir haben damals nicht genug getan, um die Liga zu gewinnen und sind ja auch offensichtlich nicht Erster geworden“, sagte er. Kein Regelverstoß der Gegenseite ändert etwas an der eigenen Bilanz auf dem Platz. United war Zweiter, weil United Zweiter war.
Am bemerkenswertesten aber ist, dass Rooney sogar Citys damalige Spieler in Schutz nimmt – jene Männer, gegen die er selbst spielte. „In ihren Köpfen haben sie den Titel auch gewonnen“, sagte er, „sie haben alles getan, was sie konnten.“ Und er verlängert das Mitgefühl in die eigene Kabine hinein: Wäre ihm die Medaille von damals aberkannt worden „wegen etwas, worauf ich keinen Einfluss hatte“, wäre er „am Boden zerstört“.
Das ist der Punkt, an dem sein Widerspruch zu Ferdinand und de Gea seine ganze Schärfe bekommt. Die beiden trennen sauber zwischen Verein und Spieler, wenn es ihnen nützt: Der Klub hat betrogen, also gehört der Titel uns. Rooney trennt nicht. Er weiß, dass eine nachträgliche Meisterschaft die Spieler von 2012 belohnen würde für etwas, das die Besitzer eines anderen Vereins angerichtet haben.
Es steht viel auf dem Spiel für City – bis Freitag kann der Verein, der alle Vorwürfe zurückweist, Einspruch einlegen, und die Sanktionen reichen bis zum Zwangsabstieg. Umso lauter dröhnt der Ruf nach Beute, die man 13 Jahre später einsammeln möchte. Zwischen all dem steht ein Mann, der eine Medaille ablehnt, die man ihm schenken will.
Rooney könnte den bequemen Weg gehen und sich zum späten Sieger erklären lassen. Er tut das genaue Gegenteil, und deshalb hat er recht: Ein Titel, den man auf dem Platz nicht geholt hat, wird durch die Schuld eines anderen nicht zum eigenen.