Sensationelles Elversberg: Das Miniaturwunderland des Fußballs

Fever Pit'ch-Alex Steudel über den perfekten Start des winzigsten Aufsteigers aller Zeiten in seiner erste Bundesliga-Saison – 3:2 gegen Bayer Leverkusen

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Sensationelles Elversberg: Das Miniaturwunderland des Fußballs
Foto: Imago / Jan Huebner

Frage in die Runde: Wie heißt eigentlich der Kapitän des Bundesliga-Aufsteigers, der am Samstag so furios in die Saison gestartet ist?

Wer weiß es? Na…?

War ja klar, niemand.

Der Mann heißt Lukas Pinckert, er ist 26 Jahre alt und seine Vita gar nicht mal so untypisch: acht Jahre lang im Nachwuchsleistungszentrum des Hamburger SV ausgebildet, Talent vom HSV falsch eingeschätzt, jetzt eben woanders durchgestartet.

Diese Kolumne soll aber nicht vor Spott, sondern vor Bewunderung triefen. Die SV Elversberg, 2022 aus der vierten in die dritte, 2023 aus der dritten in die zweite und dieses Jahr aus der zweiten in die erste Liga aufgestiegen, hat also dort gleich zum Start Bayer Leverkusen besiegt, den Deutschen Meister und Pokalsieger sowie Europapokalfinalisten von 2024, und zwar mit 3:2.

"Ein unbeschreiblicher Tag", sagte Lukas Pinckert.

Das ist einerseits falsch, denn ich beschreibe den Tag ja gerade: Leverkusen reiste an, geriet unter die Räder (0:3 nach 46 Minuten) und verlor am Ende bei einem wechselhaften Mix aus Sonne und Wolken und Höchstwerten von 22 Grad verdient. Andererseits: egal. Der neue Leverkusener Trainer Carles Martínez sah jedenfalls aus, als hätte er vier Kilo des saarländischen Nationalgerichts "Dibbelabbes" – das sind grob geriebene Kartoffeln mit Speck, Zwiebeln und Eiern in der Pfanne kross gebraten – vertilgt und danach einen Marathon absolviert.

Und jetzt weiß also jeder in Deutschland, wo Elversberg liegt: ziemlich weit unten links, im Saarland, wo sich AfD-Wähler und Hase gute Nacht sagen. Aber auch das soll heute nicht das Thema sein.

Laut Google Maps liegt Elversberg 855 Auto-Kilometer entfernt von der Gemeinde Erquy im Nordosten der Bretagne, wo, das behaupten zumindest die Asterixologen, das unbesiegbare gallische Dorf lag. Kaum ein Ort in Deutschland ist Erquy näher, das kann kein Zufall sein, denn Obelix & Co. lehnten sich 50 v. Chr. ebenfalls gegen die ganz Großen des Geschäfts auf – Olympique Normandie, AS Cäsar, Borussia Ostgoten.

Und es gibt noch eine Parallele: Elversberg ist brutal klein. Die Stadt besitzt nicht mal ein einigermaßen großes Stadion, was kuriose Begleiterscheinungen zur Folge hat. Bei der Fernsehübertragung des Leverkusen-Spiels konnten die Zuschauer beispielsweise links hinter der Haupttribüne der "Ursapharm-Arena an der Kaiserlinde" die Aral-Tankstelle des Ortes sehen.

2,159 Euro kostete dort der Liter Super E10 am Samstag.

Elverberg ist sogar, um die Sache zu steigern, der kleinste Bundesligist der Geschichte – die Gemeinde Spiesen-Elversberg (15 Kilometer nordöstlich von Saarbrücken) zählt rund 13.000 Einwohner; in München stehen morgens mehr Menschen im Stau.

Der aktuelle Kader des Aufsteigers ist lächerliche 59 Millionen Euro wert, also ungefähr so viel wie der rechte Fuß von Bayern-Profi Michael Olise – und der ist Linksfuß.

Ich räume ein, vor ein paar Tagen hätte ich über das Miniaturwunderland des Fußballs keine so überaus intelligente Auskunft geben können. Auch über Trainer Vincent Wagner konnte ich wenig mehr sagen, als dass er für mich aussieht wie eine Mischung aus Michael Oenning und Sven Mislintat und noch nie einen Erstligisten trainiert hat.

Aber das ist das Schöne an diesem Sport: Neue Sterne erscheinen überraschend am Firmament, und manchmal verschwinden sie genauso schnell wieder. Mal sehen also, ob das hier meine erste und letzte Elversberg-Lobhudelei bleiben wird – oder ob viele weitere folgen.

Am Samstag gastiert die "ELV" bei den chronisch schwächelnden Mönchengladbachern – das Wunder könnte also eine Woche weitergehen.


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