Sechs Jahre Vertrag, vier Monate Realität: Chelseas Konzernfußball entlarvt sich selbst
Liam Rosenior unterschrieb für sechs Jahre bei Chelsea – und wurde nach vier Monaten entlassen. Das Multi-Club-Modell macht Trainer zur Verschiebemasse.
Liam Rosenior hat Anfang Januar einen Vertrag über sechs Jahre unterschrieben. Am Mittwoch, keine sechzehn Wochen später, hat der FC Chelsea ihn entlassen. Man muss diese zwei Zahlen nebeneinanderstellen, um zu begreifen, was an diesem Vorgang mehr ist als eine Trainerentlassung: 72 Monate Vertrag, vier Monate Realität. Wer so unterschreibt, unterschreibt blanko.
Rosenior kam nicht von irgendwoher. Er kam aus Straßburg – einem Klub, der zum selben Netzwerk des US-Unternehmers Todd Boehly gehört wie Chelsea. Der Wechsel mitten in der Saison wurde in Straßburg nicht als Karrieresprung gelesen, sondern, so zitiert es der Bericht, „als weiteren demütigenden Schritt in der Unterwerfung Racings unter Chelsea". Das ist kein Fan-Gefühl, das man weglächeln kann. Das ist die präzise Beschreibung eines Modells, in dem ein Verein zum Personalreservoir des anderen wird.
Und dann liest man die offizielle Klub-Mitteilung. Chelsea werde „einen Prozess der Selbstreflexion durchlaufen, um die richtige langfristige Besetzung zu finden." Ein Satz, der in Ruhe wirken muss. Reflektiert wird dort, wo man erst einen Trainer aus dem eigenen Schwesterverein abzieht, ihn mit einem Sechsjahresvertrag ausstattet, und vier Monate später feststellt, dass „die jüngsten Ergebnisse und Leistungen hinter den erforderlichen Standards zurück" geblieben seien. Wer reflektiert hier eigentlich über wen?
Die sportliche Begründung ist dünner, als sie klingt. Fünf Liga-Niederlagen in Serie, das 0:2 bei Fabian Hürzelers Brighton als Schlusspunkt, sieben Punkte Rückstand auf einen Champions-League-Platz, im Achtelfinale der Königsklasse „deutlich" an Paris Saint-Germain gescheitert. Das ist eine Misere, keine Katastrophe. Aber in einem Konzernfußball, der im Januar einen Trainer wie eine Anschaffung verbucht, ist er im April auch wie eine Anschaffung abzuschreiben. Zwischen Kauf und Abschreibung: vier Monate.
Man könnte einwenden: Rosenior wusste, worauf er sich einlässt. Ein 41-Jähriger, der aus der Ligue 1 in die Premier League springt, kennt den Markt, kennt die Ungeduld, kennt die Logik der Eigentümer. Das stimmt. Und trotzdem bleibt die Frage, was ein Sechsjahresvertrag in diesem System überhaupt noch bedeutet. Planungssicherheit? Für den Klub vielleicht, der Ablösesummen für Trainer und Abfindungsmodelle strukturieren kann. Für den Trainer: eine Chiffre, nichts weiter. Man unterschreibt sechs Jahre und plant vier Monate.
Das eigentliche Lehrstück liegt im Multi-Club-Modell selbst. Straßburg verliert seinen Trainer mitten in der Saison an den größeren Bruder. Chelsea verliert den Trainer nach vier Monaten wieder. Zwei Klubs, ein Eigentümer, ein Verlierer auf beiden Seiten – und der Trainer dazwischen, der aus der einen Ligue 1 in die andere Premier-League-Krise weitergereicht wurde wie eine interne Versetzung. Karriereplanung ist das nicht. Es ist Verschiebemasse.