Schweinsteiger hat recht: Klopp trainiert eine Elf aus dem Mittelmaß
Erstmals im elften Duell verliert Deutschland gegen Griechenland, und Bundestrainer Jürgen Klopp nennt das 0:1 einen Teil des Prozesses. Das stimmt. Nur führt dieser Prozess zu einer anderen Mannschaft als der, die sich das Land beim Amtsantritt ausgemalt hat.
Zwei Befunde stehen seit Sonntagabend gegeneinander, seit dem 0:1 der Nationalmannschaft gegen Griechenland in Augsburg, dem zweiten Spiel in der Nations League und dem ersten Heimspiel des neuen Bundestrainers. Jürgen Klopp nimmt Aufstellung, Zusammensetzung und Wechsel „zu 100 Prozent“ auf sich. Zugleich verweist er darauf, dass die Mannschaft erst eine Woche zusammen ist und noch keine eingespielten Abläufe haben kann.

Weltmeister Bastian Schweinsteiger sagt als Experte in der ARD dagegen: „Wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben nicht mehr diese Spieler, die den Unterschied ausmachen.“ Ist das Problem die Zeit oder das Personal?
Die Frage reicht über Klopp hinaus: zurück bis zum WM-Aus im Sommer gegen Paraguay und nach vorn bis zu einem Kader, in dem am Donnerstag gegen Serbien neun Spieler ohne Länderspiel stehen.
Was man zur Niederlage gegen Griechenland wissen muss
- Griechenland ist kein Fußballzwerg mehr, und genau das ist die Nachricht. In der griechischen Startelf standen laut Aufstellung der Sportagentur SID Konstantinos Karetsas, der 18-Jährige von Borussia Dortmund, Kostas Tsimikas vom FC Liverpool, Vangelis Pavlidis von Benfica Lissabon und Christos Tzolis vom FC Arsenal. Wer die Niederlage als Betriebsunfall abtut, unterschätzt, wie weit Europas Mittelbau aufgeholt hat. Wo steht Deutschland in diesem Mittelbau, oben oder mittendrin?
- Klopp sagt Abläufe, Schweinsteiger sagt Spieler. Abläufe lassen sich in Trainingswochen herstellen, Klasse nicht. Hat Schweinsteiger recht, kann auch der beste Trainer der Welt nur das Maximum aus dem Mittelmaß holen. Welcher deutsche Feldspieler außer Florian Wirtz und Jamal Musiala stünde heute in Spaniens Startelf?
- Die Serie begann nicht bei Klopp. Laut Münchner Abendzeitung ist die DFB-Elf seit vier Spielen ohne Sieg. Bei der WM im Sommer verlor sie das letzte Gruppenspiel 1:2 gegen Ecuador und schied danach in der ersten K.-o.-Runde im Elfmeterschießen gegen Paraguay aus; Bundestrainer Julian Nagelsmann trat daraufhin zurück. Unter Klopp folgten ein 1:1 gegen die Niederlande in Amsterdam und das 0:1 gegen Griechenland. Klopp erbt also eine Mannschaft im Abwärtstrend. Wie viel davon darf man ihm nach 180 Minuten anlasten?
- Das 44-Mann-Casting ist die richtige Antwort auf Schweinsteigers Befund. Wer keine Unterschiedsspieler hat, muss suchen. Klopp sucht in zwei Kadern mit zusammen 44 Namen: Der erste bestritt die Spiele in Amsterdam und Augsburg, der zweite, fast komplett neu besetzte, spielt gegen Serbien und im Rückspiel gegen Griechenland. Der Preis steht in der Tabelle: ein Punkt aus zwei Spielen, Platz drei in der Vierergruppe, Griechenland nach zwei Siegen vorn. Wie viele Nations-League-Punkte darf ein Bundestrainer für Erkenntnis ausgeben?
- Ausgerechnet der einzige Passgeber fährt heim. Schweinsteiger nennt Kapitän Joshua Kimmich den einzigen, „der kreative Pässe spielen kann“. Ausgerechnet Kimmich verlor in der 67. Minute vor dem eigenen Strafraum den Ball zur griechischen Großchance, und in der 74. Minute fälschte er den Schuss von Dimitrios Kourbelis unhaltbar zum 0:1 ab. Jetzt erhält er wie geplant seine Auszeit und verpasst das Spiel gegen Serbien in München, wo er für den FC Bayern spielt. Ist die Rotation konsequent oder stur?
- Am Donnerstag steht zwingend ein Debütant im Tor. Die drei Torhüter des zweiten Kaders, Noah Atubolu von Eintracht Frankfurt, Finn Dahmen vom FC Augsburg und Jonas Urbig vom FC Bayern, haben zusammen kein Länderspiel. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus hatte sich in seiner Kolumne für Sky gewundert, dass Klopp mit Marc-André ter Stegen und Alexander Nübel die zwei ältesten Torhüter in den ersten Kader nahm und die jüngsten, Urbig und Atubolu, in den zweiten. Gegen Serbien bekommt die Frage nach der Nummer eins eine neue Antwort.
- Klopps Vertrauenskapital ist echt, aber es ist ein Kredit. Stefan Hermanns, der seit 2001 für den Berliner Tagesspiegel über die Nationalmannschaft berichtet, hält Klopp zugute, was Nagelsmann fehlte: das grundsätzliche Vertrauen der Öffentlichkeit. Derselbe Text hält fest, dass noch kein Bundestrainer so schlecht gestartet ist; einen Punkt aus den ersten beiden Spielen hatte keiner seiner Vorgänger. Klopp selbst sagte: „Wenn die Euphorie jetzt weg ist, tut mir das leid.“ Wie viele Spiele deckt dieser Kredit?
- Der zweite Kader ist Schweinsteigers Gegenbeweis, oder er bestätigt ihn. Lennart Karl, Said El Mala, Tom Bischof, Aleksandar Pavlovic, Nick Woltemade: Die Generation, von der die Bundesliga schwärmt, gehört zum zweiten Kader und spielt am Donnerstag gegen Serbien und am Sonntag im Rückspiel gegen Griechenland in Thessaloniki. Liefern diese Spieler, hat Klopp ein Argument, das kein Pressetermin ersetzt.
- Was ist am Donnerstag ein Erfolg? Ein Sieg gegen Serbien in der Münchner Allianz Arena (20.45 Uhr, ZDF) mit einer B-Elf? Ein Spiel, das nach Klopp aussieht, auch ohne Sieg? Oder schon ein Debütant, der bleibt? Wer die Latte nicht vorher legt, bekommt sie am Freitag von anderen gelegt.
