Jetzt kennt Klopp das Nagelsmann-Gefühl
0:1 gegen Griechenland: Alle guten Vorsätze und Absichten helfen nicht, wenn die Nationalmannschaft in knackigen Momenten keinen Killer-Instinkt zeigt
Zumindest diesen Rekord hat Jürgen Klopp schon nach dem zweiten Länderspiel gebrochen: Noch nie hat Deutschland ein Länderspiel gegen Griechenland verloren. Mit dem 0:1 gestern Abend in Augsburg bekam der neue Bundestrainer jetzt einen Vorgeschmack darauf, warum sein Vorgänger Julian Nagelsmann bei der EM 2024 und bei der WM 2026 gescheitert ist: Alle guten Vorsätze und Absichten helfen nicht, wenn die Nationalmannschaft in knackigen Momenten keinen Killer-Instinkt zeigt und dann nicht mal gegen vermeintlich schwächere Teams gewinnt. Nagelsmann im Sommer gegen Paraguay nicht, Klopp im Herbst gegen Griechenland nicht. Wir schießen einfach zu wenige Tore.
Vielleicht ist das auch kein Wunder. Man kann vom deutschen Patienten nicht erwarten, dass er auf der Intensivstation wiederbelebt wird und sofort einen Marathonlauf gewinnt. Ich klammere mich an ein Wort, das Klopp schon vor dem Anpfiff benutzt hat: "Prozess". Das besser machen, was gut läuft, und das weglassen, was nicht funktioniert - so hat er seine Arbeit beim DFB definiert. Nun, nach diesem Spiel muss er eine Menge weglassen und die Spieler finden, bei denen er nicht nur ein Sieger-Gen vermutet, sondern auch findet. Bastian Schweinsteiger, unser Weltmeister von 2014, hat schon recht: Deutschland fehlt ein Spieler, der den Unterschied ausmacht. Auch Florian Wirtz ist offenbar keiner.
Es ehrt Jürgen Klopp, wenn er in der Außendarstellung Loyalität predigt und keinen seiner Spieler anprangert. In der inhaltlichen Analyse wird das hoffentlich anders sein. Er hat 44 Spieler nominiert, ein paar in der Hinterhand und sogar Nachrücker aus der Jugendarbeit: In diesem Prozess wird er diese Leute ausprobieren, einem Praxis- und Charaktertest unterziehen und hinterher aussieben, um am Ende zwei Dutzend Elitekicker für die EM 2028 nominieren zu können. Vermutlich dürfen wir uns von peinlichen Ergebnissen wie jetzt bei der Heimpleite gegen Griechenland nicht irritieren lassen. Niederlagen gehören zum Prozess dazu. Oder wie Klopp sagt: Lieber schlechter Start als schlechtes Ende.
Er kenntjetzt das Nagelsmann-Gefühl, dass die größten Pläne im real existierenden Fußball-Alltag scheitern können. Wir haben keine besseren Nationalspieler als die, die er nominiert hat; nicht einen. Klopp spricht davon, dass die Abläufe nicht sitzen, das Spielverständnis auf dem Rasen nicht bei 100 Prozent sein kann, wenn eine Mannschaft zusammengewürfel ist. Mag alles sein. Aber das erklärt noch lange nicht die erste Niederlage gegen Griechenland ever. Kritik verbietet sich trotzdem. Wer, wenn nicht Klopp kann das Desaster beseitigen? Eben. Wir müssen ihm und seinem Prozess vertrauen, dass er die versprochene neue Ära tatsätzlich einleitet. Eine Alternative gibt es ja nicht.