Schalke wählt gegen die Fanmacht: ein Mandat auf Bewährung

Die Basis folgte der Verbandsempfehlung nicht – und ordnete die Verhältnisse neu. Doch der bestätigte Chef triumphiert nicht, sondern spricht vom Klassenerhalt.

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Schalke wählt gegen die Fanmacht: ein Mandat auf Bewährung
IMAGO/RHR-Foto

Es gibt im deutschen Fußball wenige Klubs, bei denen die Frage nach Macht und Mitbestimmung so aufgeladen ist wie bei Schalke 04. Umso bemerkenswerter ist, was am Samstag in der Veltins-Arena geschah: Der Schalker Fan-Club Verband hatte sich vor der Mitgliederversammlung öffentlich gegen die Wiederwahl von Axel Hefer und für zwei andere Kandidaten ausgesprochen – und die Mitglieder entschieden anders. Hefer, seit 2021 Aufsichtsratsvorsitzender, wurde mit 2975 Stimmen bestätigt. Die vom Verband gestützten Bewerber Malte Stuckmann (1911 Stimmen) und Michael Esken (1188 Stimmen) scheiterten deutlich. Deutlicher hätte die Abstimmung kaum ausfallen können. Was hier verhandelt wurde, geht über eine Personalie hinaus. Es ging um die Frage, wer bei Schalke am Ende bestimmt: die organisierte Fanmacht oder die Versammlung der stimmberechtigten Mitglieder. Der Verband gilt als einflussreich, und diesen Ruf hat er sich über Jahre erarbeitet. Doch Einfluss ist nicht Entscheidungsgewalt. Wenn ein Verband öffentlich eine Empfehlung ausspricht und die Basis ihr in dieser Klarheit nicht folgt, dann ist das kein Betriebsunfall, sondern eine Aussage über die Reichweite dieser Empfehlung. Man kann dieses Ergebnis auf zwei Arten lesen. Die eine: Die Vereinsdemokratie hat funktioniert, die Mitglieder haben souverän entschieden, und das Votum ist so eindeutig, dass es keiner Interpretation bedarf. Die andere: Ein Verband, der sich als Stimme der Fans versteht, muss sich fragen lassen, ob er diese Stimme noch trägt, wenn seine Kandidaten fast tausend beziehungsweise mehr als tausend Stimmen hinter dem Amtsinhaber landen. Beide Lesarten sind berechtigt. Sie schließen sich nicht aus, sie beschreiben dieselbe Zäsur aus zwei Blickwinkeln. Entscheidend ist die Größenordnung. Von über 220.000 Vereinsmitgliedern waren 4902 stimmberechtigt in der Arena anwesend. Das ist eine schmale Basis, gemessen am Gesamtverein, aber es ist die Basis, die zählt, weil sie die ist, die kommt und abstimmt. Wer Vereinsdemokratie ernst nimmt, akzeptiert genau das: Es entscheidet, wer da ist. Der Verband hat seine Position offen vertreten, das ist legitim und gehört zur Kultur dieses Klubs. Dass er sich nicht durchsetzte, delegitimiert weder ihn noch das Ergebnis – es ordnet nur die Verhältnisse neu. Hefer selbst blieb in seiner Bewertung nüchtern. „Wir sind auf einem guten Weg. Wir werden wieder zu alter Stärke zurückkehren. Aber es wird noch einige Jahre dauern", sagte er. Für die kommende Saison stehe zunächst „nur der Klassenerhalt" im Fokus. Diese Bescheidenheit ist die eigentliche Botschaft des Tages. Ein Aufsichtsratsvorsitzender, der gegen den erklärten Willen eines einflussreichen Verbands bestätigt wird und dann nicht triumphiert, sondern vom Klassenerhalt spricht, hat den Ernst der Lage begriffen. Bleibt die Machtfrage, und sie ist offen geblieben. Der Verband hat an diesem Samstag eine Niederlage kassiert, die sich in Zahlen messen lässt. Doch Einfluss verschwindet nicht mit einer verlorenen Abstimmung. Er muss neu begründet werden. Für Hefer wiederum gilt: Das Mandat ist erneuert, aber es ist eines auf Bewährung. Wer die Basis hinter sich weiß und den Verband gegen sich, hat keinen Spielraum für Fehler. Der Klassenerhalt ist damit nicht nur sportliches Ziel, sondern die Währung, in der dieses Votum abgerechnet wird. Unbedingt lesen: Schalke 04: Hefer im Aufsichtsrat bestätigt