Ruhe in Dresden: Den Frieden hat der Boykott gebracht
Die aktive Hertha-Szene blieb aus Protest gegen die DFB-Strafe zu Hause. Über das Sicherheitskonzept sagt der Abend ohne Krawall deshalb wenig.
Ein Gästeblock, nur zur Hälfte freigegeben und trotzdem spärlich gefüllt, daneben große Pufferzonen und ein Polizei-Großaufgebot: So sah am Samstagabend im Rudolf-Harbig-Stadion die Bühne aus, auf der Hertha BSC 2:1 bei Dynamo Dresden gewann. 29.122 Zuschauer waren da, die aktive Hertha-Szene nicht. Sie hatte zum Boykott aufgerufen, aus Protest gegen die Strafe des DFB-Sportgerichts für den April: halbes Gästekontingent, jede Karte auf den Namen ausgestellt und am Eingang per Ausweis geprüft.
Den ruhigen Abend hat deshalb weniger das Sicherheitskonzept gebracht als der Boykott. Die organisierte Szene, die einen Gästeblock füllt und seine Stimmung macht, war gar nicht erst angereist. Ob Pufferzonen und Polizeiketten einen vollen Block im Griff behalten hätten, hat der Samstag nicht gezeigt. Geprüft wurde das Konzept an einem Abend, an dem ihm die Probe erspart blieb.
Der Anlass der Strafe liegt fünf Monate zurück. Am 4. April hatten Dynamo-Fans eine Fahne der „Ostkurve Hertha BSC“ erbeutet und im K-Block verbrannt. Nach den Feststellungen des DFB-Sportgerichts drangen danach mindestens 60 Dresdner Anhänger über das Spielfeld in Richtung Gästeblock vor, im Hertha-Block brannten mindestens 30 pyrotechnische Gegenstände und fünf Feuerwerksbatterien, das Spiel wurde unterbrochen. Mindestens 17 Menschen wurden verletzt. Bestraft wurden beide Klubs: 152.000 Euro für Hertha, 91.200 Euro für Dresden, dazu die Sperrung der K-Blöcke.
Der DFB kann sich trotzdem bestätigt sehen. Seine Strafe sollte verhindern, dass sich der April wiederholt, und es blieb vor und während der Partie ruhig. Nach einem Abend mit 17 Verletzten ist das kein kleines Ergebnis. Ob die Ruhe von der Strafe kommt oder vom Protest gegen sie, kann einem Sportgericht ziemlich gleich sein.
Gleich ist es trotzdem nicht. Eine Strafe, die wirkt, weil die Bestraften freiwillig fernbleiben, hat den Konflikt nicht gelöst, sie hat ihn vertagt. Die halbe Freigabe gilt nach dem Urteil auch für das Rückspiel in Berlin. Die Frage, ob Dynamo und Hertha wieder vor vollen Blöcken gegeneinander spielen können, stellt sich damit frühestens in der Saison danach.
Sportlich lief der Abend für Hertha, wie diese Saison läuft. Patrice Covic, gebürtiger Berliner und Sohn der Hertha-Legende Ante Covic, brachte Dresden in der 10. Minute nach einem Doppelpass mit Vincent Vermeij in Führung. Jon Dagur Thorsteinsson glich nach einer halben Stunde mit einem Schuss aus 20 Metern aus und traf in der 80. Minute erneut. Dazwischen schoss Gustaf Nilsson in der 53. Minute aus drei Metern über das Tor, und ein Kopfball von Oluwaseun Adewumi nach Flanke von Josip Brekalo zählte nach Videobeweis wegen Handspiels nicht.
Hertha steht nach sechs Spielen mit sechs Siegen und 18 Punkten wieder vor Nürnberg an der Tabellenspitze, Dynamo bleibt mit vier Punkten Vorletzter. Ein Beweis, dass der nächste volle Gästeblock friedlich bleibt, ist der Samstag nicht. Den ruhigen Abend in Dresden hat die Szene geliefert, die der DFB bestrafen wollte.