Rudi Völlers leise Ansage: Beim DFB wird das Schweigen geprobt

Nach Russland und Katar setzt der Verband erneut auf Wegducken statt Vorbereitung. Aus zwei Vorrunden-Aus wurde nur eine Lehre gezogen: Mund halten.

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Rudi Völlers leise Ansage: Beim DFB wird das Schweigen geprobt
IMAGO/Beautiful Sports International

Rudi Völler hat in Herzogenaurach zum Auftakt der WM-Vorbereitung gesagt, was er zu sagen hatte, und er hat es in jenem ruhigen Ton getan, mit dem sich beim DFB seit Jahren unangenehme Fragen wegmoderieren lassen. Einen Maulkorb werde es für Joshua Kimmich, Manuel Neuer und die anderen nicht geben, beteuerte der Sportdirektor, aber er glaube, „dass wir gut daran tun, das ein bisschen zu trennen. Wir sind da, um eine Weltmeisterschaft zu spielen." Wer sich äußern wolle, dürfe das gerne tun, aber bitte vorher, nicht während des Turniers. Eine spezielle mediale Schulung im Trainingslager wird es deshalb auch nicht geben.

Man kann diese Haltung pragmatisch nennen. Man kann sie auch beim Namen nennen: Totschweigen. Völlers Begründung, die Probleme der Welt seien „sowieso nicht" zu ändern, „bis zum Eröffnungsspiel" werde das ohnehin nichts mehr, ist als Argument so bequem wie unbrauchbar. Niemand hat von einer Nationalmannschaft je verlangt, Kriege zu beenden. Verlangt wurde, dass Spieler, die in einem Gastgeberland antreten, in dem politische Konflikte den Alltag prägen, dazu sprechen dürfen, wenn sie es wollen, ohne vom eigenen Verband leise zur Ordnung gerufen zu werden.

Die Vorlage liefert die jüngere Vergangenheit. 2018 in Russland, 2022 in Katar – beide Turniere endeten für Deutschland in der Vorrunde, und beide wurden von politischen Debatten begleitet, die den DFB sichtlich überforderten. Aus dieser Erfahrung lässt sich zweierlei lernen. Entweder, man bereitet die Spieler künftig sorgfältig auf solche Fragen vor, gibt ihnen Halt und Sprache. Oder man erklärt den Sport zur politikfreien Zone und hofft, dass es diesmal besser läuft. Der DFB hat sich für die zweite Variante entschieden, und Jürgen Klinsmann hat ihm das Stichwort geliefert: Man habe 2018 und 2022 „alles kaputt geredet", sagte er der Rheinischen Post, „damit haben wir unsere Mannschaft praktisch bestraft". Auch Oliver Bierhoff sprang dem Sportdirektor im Stern bei: Die Spieler müsse man „schützen", sie dürften sich „nicht treiben lassen".

Schützen wovor eigentlich? Vor Fragen, die sich in den USA unter Präsident Donald Trump zwangsläufig stellen werden? Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass nicht die politische Realität das Problem ist, sondern die Erwartung, sich dazu zu verhalten. Das ist ein bemerkenswerter Befund für einen Verband, der nach Katar versprochen hatte, aus seinen Fehlern zu lernen. Stattdessen wird die Lektion offenbar so gezogen: Wer schweigt, scheitert wenigstens nicht öffentlich.

Dass Völler dabei betont, es gebe ja keinen Maulkorb, ist die rhetorische Feinarbeit, mit der man eine Bitte in eine Anweisung verwandelt, ohne sie so zu nennen. Wenn der Sportdirektor öffentlich sagt, Äußerungen während des Turniers seien unerwünscht, dann hat jeder Spieler verstanden, was gemeint ist. Die WM beginnt am 11. Juni, Deutschland trifft in Gruppe E auf Curacao, die Elfenbeinküste und Ecuador. Das sportliche Programm steht. Das wertepolitische steht auch – nur eben in Anführungszeichen.