Platz 18 und sieglos: Warum verlängert der HSV mit dem Trainer vorzeitig?
Merlin Polzin bekommt einen langen Vertrag bis 2029. Der Hamburger SV kauft sich damit Ruhe – und geht dafür ein großes Risiko ein.
Drei Spiele, drei Niederlagen, kein eigenes Tor: Der Hamburger SV ist mit 0:2 gegen Dortmund, 0:5 gegen Mainz und 0:5 in Leipzig in seine zweite Bundesliga-Saison nach dem Aufstieg gestartet. Torverhältnis 0:12, Platz 18, Tabellenletzter. Und mitten in dieser Lage verlängert der Klub am Freitag den Vertrag mit seinem Cheftrainer Merlin Polzin, dessen alter Kontrakt nach dieser Saison ausgelaufen wäre – der neue gilt laut Medienberichten bis 2029.
Das ist kein Alltagsvorgang. Ein Klub, der nach sieben Jahren Zweitklassigkeit zurück in die Bundesliga gefunden und dort im ersten Jahr die Klasse gehalten hat, bindet den Mann, der ihn dorthin geführt hat, für zwei weitere Jahre – ausgerechnet in der Woche, in der die Ergebnisse gegen ihn sprechen. Wer den Aufstiegstrainer nach drei Spieltagen fallen ließe, würde tatsächlich Panik über Plan stellen. Die Verlängerung nimmt den Automatismus aus jeder weiteren Niederlage. So weit die schöne Lesart.
Denn Polzin hat sich das verdient. Er übernahm im November 2024, führte den HSV im Mai 2025 nach sieben Jahren zurück in die Bundesliga und hielt ihn dort in der vergangenen Saison als Tabellendreizehnter. Der 35-Jährige lässt keinen Zweifel daran, wo er hingehört: „Jeder weiß, wie viel mir diese Stadt, dieser Club und dieses Stadion bedeuten.“ Auch sein Trainerstab bleibt komplett – Loic Fave, Richard Krohn und Max Bergmann. Kontinuität, wo andere Klubs längst den Notausgang suchen würden.
Nur: Ein Bekenntnis, das gegen die Tabelle ausgesprochen wird, muss die Tabelle irgendwann einholen. Sportvorständin Kathleen Krüger sagt den Satz, an dem sich alles messen lässt: „Vertrauen bedeutet nicht, dass Ergebnisse zweitrangig werden, sondern basiert auf kritischer Auseinandersetzung.“ Ein kluger Satz. Er bindet das Vertrauen an eine Bedingung, die er im selben Atemzug nicht einlöst – denn wer verlängert, während 0:12 auf dem Konto steht, erklärt die Ergebnisse für den Moment eben doch zur Nebensache.
Die Rechnung geht auf, solange die Wende kommt. Bleibt sie aus, dreht sich die Verlängerung gegen ihre eigene Absicht. Dann steht Polzin nicht mehr da als der Trainer, dem man in schwerer Stunde den Rücken stärkte, sondern als der Mann mit dem Vertrag bis 2029, den man nicht mehr loswird, ohne teuer zu bezahlen. Jede weitere Niederlage lädt den Kontrakt neu auf – nicht mit Ruhe, sondern mit Druck.
Krüger nennt es „aus voller Überzeugung“. Überzeugung ist ein starkes Wort für einen Klub, der in drei Spielen kein Tor geschossen hat. Sie hat recht damit, dass ein Trainerwechsel nach drei Spieltagen kein Konzept ist, sondern ein Reflex. Aber ein Vertrag bis 2029 ist auch kein Konzept – er ist eine Wette darauf, dass die 0:12 eine Momentaufnahme bleibt und keine Ansage.
Der HSV hat sich entschieden, den Weg gegen die Zahlen zu gehen. Das kann Größe sein. Es kann auch der Punkt sein, an dem aus einem schweren Start eine Saison wird, die niemand mehr korrigieren kann, weil man sich die Korrektur vertraglich verbaut hat. Die Verlängerung schützt Merlin Polzin heute. Sie wird ihn am lautesten dann in Frage stellen, wenn das nächste Spiel wieder ohne eigenes Tor endet.