Per Mertesacker beim DFB: Der Weltmeister ohne Talent
Ab Januar soll er den Nachwuchs enger an die Nationalelf binden. Seine Autobiografie erzählt, wie wenig Jugendtrainer ihm einst zutrauten.
„Ich habe ihn schon mit Chef begrüßt“, sagte Jürgen Klopp am 1. Oktober in München, vor dem 2:0 der Nationalmannschaft gegen Serbien in der Nations League. Gemeint war Per Mertesacker, der am selben Abend nach sechs Jahren zum letzten Mal als ZDF-Experte arbeitete. Ab dem 1. Januar 2027 ist er Geschäftsführer Sport beim DFB, Nachfolger von Andreas Rettig, mit einem Vertrag bis 2030.
Zu seinen Aufgaben gehört, den Nachwuchs enger mit der Nationalmannschaft zu verzahnen. Damit kümmert sich ein Mann um die Talente des deutschen Fußballs, dem in der eigenen Jugend oft bescheinigt wurde, zu wenig Talent zu haben. Er hat darüber ein ganzes Buch geschrieben: „Weltmeister ohne Talent“, 2018 erschienen, zusammen mit dem Journalisten Raphael Honigstein.
„Die Aufgabe ist sehr groß. Ich habe Respekt, aber auch unglaubliche Lust, für den deutschen Fußball verantwortlich zu sein und wieder etwas mit aufzubauen“, sagte der 42-Jährige laut SID. Wie er über Nachwuchs denkt, kann man nachlesen.
Was an die Stelle von Talent tritt
Gerettet hat ihn damals ein Trainer, der anders hinsah: Ralf Rangnick holte ihn zu den Profis von Hannover 96, dem Klub seiner Heimatstadt. Daraus wurden Werder Bremen, ab 2011 der FC Arsenal, das Sommermärchen 2006 und der WM-Titel 2014 in Brasilien.
Was er statt der Begabung mitbrachte, zählt der Verlag auf: einen Meter achtundneunzig Körpergröße, eine überaus faire Spielweise, ein feines Gespür für den Raum, exzellentes taktisches Verständnis. Dazu die Bereitschaft, alles dem Erfolg unterzuordnen. In England nannten sie ihn liebevoll „Big Fucking German“.
Mehr als Kabinengeschichten
Anekdoten gibt es reichlich: das Eistonnen-Interview nach dem WM-Achtelfinale gegen Algerien, Jogi Löws Taktikkniffe, Arsène Wengers Art zu motivieren, die Busfahrten, auf denen Sitznachbar Tim Wiese abergläubisch immer denselben Dialog führen wollte, und Oliver Bierhoff, der ihm die „Buddenbrooks“ zu lesen gab. Das Besondere liegt woanders. Mertesacker schreibt über den Tod von Robert Enke, der ihn schwer getroffen hat, und über den Zivildienst, den er noch als Nationalspieler in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt leistete.
Daraus entsteht eine Kritik an einem System, das junge Spieler von allem abschirmt, was nicht Fußball ist. „Profis denken eher zu wenig als zu viel über ihren Beruf nach“, schreibt Mertesacker. Anna Kemper von der Zeit schrieb damals, nach der Lektüre wisse man, er sei genau der Richtige, um die Jugendakademie des FC Arsenal zu leiten. Er hat sie geleitet, bis zum Ende der vergangenen Saison.
Ein anderer Ton kommt von Matthias Sammer, früher selbst DFB-Sportdirektor. Er wartet nach eigenen Worten „sehnsüchtig“ auf Mertesacker und verlangt, er müsse sich „brutal durchsetzen“. Das Buch erzählt von einem Spieler, der offen über seine Schwächen spricht. Ob beim DFB der nachdenkliche Mertesacker gebraucht wird oder der durchsetzungsstarke, muss er ab Januar zeigen. Wahrscheinlich beide.
Was die Kritik sagt
Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur setzte das Buch 2018 bei der Wahl zum Fußballbuch des Jahres auf Platz drei. Anna Kemper ging in ihrer Rezension, die die Akademie veröffentlicht hat, weiter: Die Biografie sei „für mich das Fußballbuch des Jahres“. Das Magazin 11 Freunde nennt sie, so steht es in der Verlagsbeschreibung, „die Geschichte von einem, der sich mehr erarbeiten musste, als ihm per Talent geschenkt worden ist“.
Das Taschenbuch ist 2021 bei Ullstein erschienen, hat 280 Seiten und kostet 12,99 Euro. Ab Januar entscheidet Mertesacker mit darüber, welchen Jugendlichen der deutsche Fußball etwas zutraut. Wer erfahren will, wie sich das anfühlt, wenn einem keiner etwas zutraut, liest dieses Buch.
Was der neue DFB-Geschäftsführer über Talent weiß
Ab Januar 2027 ist Per Mertesacker Geschäftsführer Sport beim DFB. In der Jugend galt er als zu wenig talentiert, bis Ralf Rangnick ihn zu den Profis von Hannover 96 holte. Seine Autobiografie erzählt den Weg bis zum WM-Titel 2014. „Faszinierend“, urteilte 11 Freunde. Das Taschenbuch hat 280 Seiten und kostet 12,99 Euro.
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