Pep Guardiolas stiller Offenbarungseid: Das Ende einer Selbstverständlichkeit

Ein 3:3 in Everton, fünf Punkte Rückstand, ein Trainer im Konjunktiv: Manchester City verliert mehr als einen Titel — es verliert sein Selbstbild.

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Pep Guardiolas stiller Offenbarungseid: Das Ende einer Selbstverständlichkeit
IMAGO/Offside Sports Photography

Es gibt Abende, die markieren keinen Knick, sondern einen Bruch. Der Montagabend in Goodison Park war so ein Abend. Manchester City, über Jahre das Maß aller Dinge in der Premier League, rettet bei Everton ein 3:3, nachdem man bereits 1:3 zurücklag. Den späten Ausgleich besorgte Jeremy Doku in der 90.+7 Minute — ein Treffer, der in früheren Spielzeiten als Dokument der berühmten City-Mentalität durchgegangen wäre. An diesem Abend ist er die Ernüchterung eines Teams, das nicht mehr siegt, wo es früher gewann.

Fünf Punkte Rückstand auf den FC Arsenal, drei Spiele vor Schluss, ein Spiel in der Hinterhand - die Mathematik lässt wenig Interpretationsspielraum: Aus eigener Kraft kann City die Gunners nicht mehr überholen. Das ist in der Sprache des Titelrennens das, was man eine faktische Entscheidung nennt. Und Pep Guardiola, der Mann, der den Konjunktiv jahrelang verabscheut hat, weil seine Mannschaften ihn überflüssig machten, hat ihn am Montag selbst ausgesprochen. "Es liegt nicht in unserer Hand", sagte er bei Sky Sports. "Vorher war es so, jetzt nicht mehr."

Das ist der Satz, an dem man die Zäsur festmachen kann. Denn das Erfolgsmodell von Manchester City basierte nie auf Glück, Tabellenarithmetik oder fremder Hilfe. Es basierte auf der Annahme, dass dieses Team alles selbst in der Hand hat: Tempo, Kontrolle, Ergebnisse, Meisterschaften. Wer seit Jahren die Liga dominiert, hat sich daran gewöhnt, der Variable zu sein, nicht die Funktion. Dass Guardiola nun öffentlich kapituliert, ohne es Kapitulation zu nennen, ist bemerkenswerter als jedes Gegentor in Everton.

Man sollte sich die 90.+7 Minute genauer anschauen. Ein Team, das nach sieben Minuten Nachspielzeit bei einem abstiegsgefährdeten Klub einen Punkt rettet und hinterher Erleichterung verspürt, ist nicht mehr dieselbe Institution, die jahrelang Gegner in der ersten halben Stunde zerlegte. Ein 1:3-Rückstand in Goodison Park ist kein Betriebsunfall, sondern ein Befund. Die Kontrolle, das Markenzeichen dieser Ära, ist abhandengekommen. Was bleibt, ist Moral — und die ist bei Titelfragen bekanntlich die schwächste Währung.

Jeremy Doku sagte nach dem Spiel: "Im Moment tut es weh. Es stehen noch viele Spiele aus. Wir haben zwei Punkte verloren. Wir werden weiterkämpfen — das sind wir uns selbst und unseren Fans schuldig." Das ist das Vokabular von Mannschaften, die jagen, nicht von Mannschaften, die jagen. Zwei Punkte verloren gegen Everton — in den Dominanzjahren hätte niemand diesen Satz gebraucht, weil niemand solche Abende kalkuliert hätte. Die Tatsache, dass Doku von Schuldigkeit spricht, zeigt, wie sehr sich das Selbstverständnis verschoben hat.

Guardiolas "Bis es vorbei ist, machen wir weiter" ist rhetorisch tadellos und sportlich folgenlos. Trotz ist keine Strategie, wenn man auf die Patzer anderer angewiesen ist. Der FC Arsenal um Kai Havertz muss drei Spiele vor Schluss nicht mehr zittern, er muss verwalten — und wer die Premier League kennt, weiß, dass Arsenal das beherrscht. Was in Everton endete, war nicht nur ein Spiel. Es war das Ende einer Selbstverständlichkeit.