Neymar-Ohrfeige: Wenn Autorität zur Ersatzhandlung wird

Ein 18-Jähriger dribbelt, der Ältere schlägt zu. Eine Szene aus dem Training des FC Santos zeigt, wo diese Karriere inzwischen wirklich steht.

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Neymar-Ohrfeige: Wenn Autorität zur Ersatzhandlung wird
IMAGO/Fotoarena

Es gibt Szenen, die mehr über einen Spieler sagen als jede Pressemitteilung seines Managements. Die Szene, die das brasilianische Portal Globo Esporte aus dem Training des FC Santos berichtet, ist so eine. Neymar, inzwischen 34, einst Galionsfigur des FC Barcelona und von Paris Saint-Germain, soll am Sonntag im Spielersatztraining auf den 18-jährigen Robinho Junior losgegangen sein. Ein Beinstellen, eine Ohrfeige. Auslöser: ein Dribbling, das Neymar als respektlos empfunden haben soll.

Man muss sich diese Konstellation kurz vor Augen führen, um zu verstehen, warum dieser Vorgang nicht einfach als Trainingsplatzgeplänkel durchgeht. Da steht ein Weltstar, dessen beste Jahre nicht vor ihm liegen, sondern hinter ihm. Und ihm gegenüber steht ein 18-Jähriger, dessen Nachname im brasilianischen Fußball Gewicht hat – und seit der Verurteilung seines Vaters ein schweres. Robinho, einst selbst Nationalspieler, sitzt im Gefängnis. Sein Sohn dribbelt sich beim FC Santos in die Aufmerksamkeit. Das ist der Kontext, in dem Neymar die Hand hebt.

Es geht hier nicht um Pädagogik, es geht um Autorität. Autorität im Profisport speist sich aus Leistung, aus Präsenz auf dem Platz, aus dem Beispiel, das man gibt. Neymar bestreitet das Spielersatztraining, weil er tags zuvor beim 1:1 in Palmeiras nicht gespielt hat – also in jener Einheit, in der jene versammelt sind, die am Wochenende nicht gebraucht wurden. Wer in dieser Runde den Lehrmeister geben will, muss erklären, woher er die Legitimation nimmt. Ein harter Zweikampf hätte diese Frage beantwortet. Eine Ohrfeige beantwortet sie nicht, sie stellt sie erst.

Der Respekt, den Neymar einfordert, ist ein seltsames Gut. Im Straßenfußball, aus dem er selbst kommt, ist das Dribbling keine Beleidigung, sondern die Sprache selbst. Neymars gesamte Karriere ist ein Plädoyer für die Frechheit, für das Risiko, für die Geste, die dem Gegner weh tut, weil sie ihn vorführt. Dass ausgerechnet er nun, mit 34, ein Dribbling eines 18-Jährigen als Übergriff deutet, ist eine biografische Pointe. Sie beschreibt den Punkt, an dem ein Spieler aufhört, sich über das zu definieren, was er kann, und anfängt, sich über das zu definieren, was er war. Nicht mal Nationaltrainer Ancelotti braucht ihn bei der WM.

Das Management äußerte sich laut Globo Esporte nicht näher zum Vorfall. Das ist die leiseste, zugleich eindeutigste Reaktion, die möglich ist: Man bestätigt nicht, man dementiert nicht, man hofft, dass die Sache verschwindet. Sie wird es nicht. Nicht, weil ein Trainingsplatzgerangel die Karriere beendet, sondern weil es die Wahrnehmung verschiebt. Aus dem Rückkehrer, der seinem Heimatklub zu helfen verspricht, wird ein Mann, der seine Bedeutung nicht mehr mit dem Ball erklären kann, sondern mit der Hand.