Nagelsmanns WM-Kader: Im Zweifel für den FC Bayern

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über eine scheinbar ewige Nominierungsphase und das Comeback von Manuel Neuer

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Nagelsmanns WM-Kader: Im Zweifel für den FC Bayern
Foto: Pit Gottschalk

Die größte Überraschung der kaugummiartigen, weil circa siebentägigen deutschen WM-Kadernominierung war für mich, dass am Ende doch überraschend viele Fragen offengeblieben sind. Wer steuert zum Beispiel den Mannschaftsbus, wenn der Stammfahrer ausfällt? Kein Wort dazu von Julian Nagelsmann. Und wer sorgt dafür, dass Leroy Sané pünktlich zu den Abfahrten erscheint? Schweigen vom Bundestrainer.

Man hätte darüber reden können, denn alles andere war durchgesickert oder absehbar gewesen.

Nadiem Amiri, Leroy Sané und Angelo Stiller rein. Stuttgarts Chris Führich und Maxi Mittelstädt raus. Manuel Neuer rein.

Said El Mala raus, obwohl noch nie drin.

Wo eine WM-Kadernominierung früher zehn Minuten dauerte, war sie jetzt eine Sache von Wochen; ein einziges Hin und Her. Hinreißende Familienvideos aus den Häusern Kimmich und Undav wurden ebenso gedroppt wie Spielernamen von Beratern – gestern erklärte schlussendlich Nagelsmann das alles eine Stunde lang zugegebenermaßen so gut, dass ich fast vergessen hätte, wer Deutschlands Nummer eins ist: ein 40-Jähriger.

Damit sind wir beim wichtigsten Thema: Der reaktivierte Manuel Neuer wird bei der am 11. Juni beginnenden WM das deutsche Tor hüten. Wie das halt so kommt, wenn man laut Statistik der sechstbeste und nach Kicker-Noten dreizehntbeste Torwart der Bundesliga und obendrein verletzungsanfällig ist.

Warum Neuer? Wegen seiner Leistungen!

Sagte Nagelsmann gestern. Plus: Wegen seiner Aura, also wie er auf gegnerische Stürmer wirke. Plus, und jetzt kommt's: einfach, weil es Manuel Neuer sei, so Nagelsmann.

Mein Verdacht: Oliver Baumann war dem Bundestrainer am Ende einfach zu alt.

Ich habe es schon immer gewusst: Bundestrainer können alles außer Torwart; siehe Jürgen Klinsmann, der bei der WM 2006 Oliver Kahn, den damals besten Schlussmann der Welt, auf die Bank setzte. Ich schließe deshalb nicht aus, dass noch mal Bewegung in die Sache kommt und Jens Lehmann am Pfingstmontag von der DFB-Pressestelle per Instagram nachnominiert wird. Begründung: Der Mann ist kaum älter als Manuel Neuer, hat aber seit Jahren kein Gegentor kassiert.

Gut. Okay. Ganz ruhig. Durchatmen. Analysieren.

  • Fakt eins: Erstmals in der Geschichte des Fußballs fahren drei Bayern-Torhüter zur WM. Manuel Neuer, Alexander Nübel, der in Stuttgart spielt, aber dem Rekordmeister gehört, und als Trainingspartner, aber nachnominierbar: Jonas Urbig, der Kronprinz beim FC Bayern.
  • Fakt zwei: Nagelsmann, der am chronisch langsamen Bayern-Innenverteidiger Jonathan Tah festhält, nimmt außerdem die Bayern Jamal Musiala, Lennart Karl, Aleksandar Pavlovic, Leon Goretzka sowie Kapitän Joshua Kimmich mit. Die Konkurrenz bekommt es also mit einem Bayern-Gerüst zu tun: acht Mann plus Nübel.

Wobei ich hier eher bei Harald Schmidt stehe. Der sagte am Mittwoch im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Bitte vergesst nicht, das Gerüst der Bayern ist ein Kolumbianer, ein Engländer, ein Franzose, hinten ist noch ein Franzose und rechts hinten sogar ein Ösi."

Auch sonst wurde ich gestern von den Personalien kaum überrascht. Dass der Frankfurter Nathanial Brown mitfährt, zeichnete sich ab, weil wir in Deutschland links hinten so viel Talent haben wie Super E10 unter einsachtzig.

Nagelsmanns Auswahl ist zwar keine Weltmacht. Nach Durchsicht des Kaders von Curaçao muss ich aber sagen: Es hätte schlimmer kommen können.


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