Muslic und der Rucksack: Warum Schalkes Bierdusche mehr ist als Folklore
Ein Aufstieg, ein Vertrag bis 2028, ein Bekenntnis. In Gelsenkirchen ist das erst die Voraussetzung dafür, dass eine Geschichte erzählt werden darf.
Es gibt Bilder, die der Fußball selten freiwillig liefert. Ein Trainer mit blauer Sonnenbrille, übergossen mit Bier und Wasser, während Kenan Karaman den Presseraum stürmt und Adil Aouchiche auf dem Podium tanzt – das ist nicht die choreografierte Euphorie der Marketingabteilungen, sondern etwas Älteres, Raueres. Schalke feiert, wie vielleicht nur Schalke feiert: laut, körperlich, kollektiv. Edin Dzeko singt "Nie mehr zweite Liga", und man muss kein Sentimentaler sein, um zu erkennen, dass dieser Satz hier mehr bedeutet als in jeder anderen Kabine der Republik. Der Klub hat zwei Spielzeiten in einer Liga verbracht, in die er nach eigener Selbsterzählung nie gehörte.
Genau deshalb ist der Satz von Miron Muslic so bemerkenswert. "Wir wissen, wie schwer der Rucksack war für uns, als wir begonnen haben." Das ist keine Phrase, das ist eine Standortbestimmung. Muslic beschreibt nicht den Triumph, sondern die Last – und er beschreibt sie in der ersten Person Plural. Das ist die Sprache eines Mannes, der verstanden hat, dass man auf Schalke nicht trotz der Emotion arbeitet, sondern mit ihr. Wer diesen Klub führen will, muss den Rucksack tragen wollen, nicht abstreifen.
Dass Muslic kurz vor dem 1:0 gegen Fortuna Düsseldorf – oder besser: im Rahmen der Feierlichkeiten danach – bis 2028 automatisch verlängert, ist die nüchterne Pointe eines emotionalen Abends. Drei Jahre Bindung an einen Verein, der Trainer in den vergangenen Spielzeiten verbrauchte wie andere Klubs Trainingsleibchen. Muslic weiß das, und er bleibt trotzdem. "Schalke ist ein Gigant. Es bedeutet uns alles." Das kann man kitschig finden. Man kann es aber auch als das lesen, was es ist: ein Bekenntnis, das Verbindlichkeit erzeugt.
Der Satz vom "glücklichsten Trainer in Deutschland" wird in den kommenden Monaten oft zitiert werden, und irgendwann, wenn die Bundesliga ihre Realität entfaltet, vielleicht auch gegen ihn verwendet. Muslic hat das antizipiert, fast trocken: "Das bin ich jetzt – und das werde ich zumindest auch die nächsten zwei Jahre bleiben." Darin steckt mehr Selbstbewusstsein, als der Auftritt mit Bierdusche vermuten lässt. Wer sein Glück befristet, hat die Mechanik dieses Geschäfts verstanden.
Es lohnt sich, kurz innezuhalten bei der Frage, warum Schalke diesen Moment anders erlebt als, sagen wir, ein aufgestiegenes Paderborn oder Elversberg es täte. Die Antwort ist banal und zugleich unbequem: Weil dieser Klub sich selbst als Sonderfall inszeniert – und weil seine Fans, seine Spieler und offenbar auch sein Trainer diese Inszenierung glauben. Das ist weder gesund noch ungesund, es ist schlicht die Betriebsbedingung von Schalke 04. Ein Aufstieg ist hier nie nur ein Aufstieg. Er ist immer auch eine Bestätigung, dass die Erzählung stimmt.
Für Muslic bedeutet das: Die Bundesliga wird ihn weniger an Punkten messen als an der Frage, ob er diesen Klub weiter in sich selbst hineinführt oder aus ihm heraus. Der Aufstieg, sagt er, sei das "absolute Highlight" seiner bisherigen Trainerlaufbahn. Das ist eine ehrliche Auskunft – und zugleich eine, die er schnell wird revidieren müssen, wenn er bis 2028 bleiben will. In Gelsenkirchen ist der Aufstieg nicht das Ende einer Geschichte. Er ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt eine erzählt werden darf.